Es ist ein Haus ohne Augen und dennoch sieht es alles: 33 Thomas Street in New York City ist eines der wohl berüchtigsten Gebäude der Welt. Einst gebaut, um allen Angriffen von außen standzuhalten: ein Gigant des Brutalismus. Dann genutzt, um von innen heraus anzugreifen: das eigene Volk, Verbündete, die ganze Welt.
Was steckt hinter 33 Thomas Street und was hat ein einstiger Knotenpunkt für Telefonleitungen mit den Leaks von Snowden, dem wohl bekanntesten Whistleblower der Welt, zu tun? Wir tragen zusammen, was wir heute über 33 Thomas Street wissen – und was nicht.
Mal ehrlich: Wir alle lieben Agentenfilme! Ob Bond oder Men in Black: Die Undercover-Agenten steigen aus ihren Autos, achten darauf, dass sie niemand sieht. Blick nach links, Blick nach rechts. Die Tarnung sitzt. Und dann betreten sie ein Gebäude. Ein Spielcasino, ein thailändisches Restaurant, eine öffentliche Toilette. Wichtig: Den Hund am Eingang grüßen! Nichts besonderes. Noch nicht.
Eine Berührung am dritten Stein von unten, gleich neben der Tür. Das warme Licht eines Iris-Scanners und zack: Es öffnet sich eine Falltür. Oder die Wand und dahinter ist ein versteckter Fahrstuhl. Unten angekommen finden wir eine ganz andere Welt vor. Zahlreiche Gänge führen zu Räumen, in denen es überall blinkt und piept. Hektisch laufen Menschen von einem Bildschirm zum nächsten. Vor Aufregung kribbeln einem die Hände: Hier passiert echte Überwachung, richtige Spionagearbeit – tief unter der Erde.
Aber was, wenn richtige Spionagearbeit gar nicht in geheimen Labyrinthen unter unseren Füßen stattfindet – sondern direkt vor unserer Nase? Beispielsweise in einem riesigen, kolossalen Hochhaus mitten in Lower Manhattan, ganz in der Nähe zur City Hall. Anwohner und selbst Besucher des Stadtteils vermuten schon seit Jahrzehnten, dass in 33 Thomas Street irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
33 Thomas Street: Koloss des Brutalismus
Ein Blick auf das Gebäude lässt uns zustimmend nicken. Normal ist so was definitiv nicht. In der Zeit von 1969 bis 1974 entstand hier ein riesiger Block von einem Hochhaus. Die Fassade aus geflammtem schwedischen Granit. Keine Fenster, nur riesige Lüftungsschächte, die wie völlig deplatzierte Auswüchse wirken. Selbst für den Baustil des Brutalismus ist das nicht ohne. Schaut doch direkt bei unserem Beitrag zum Architekturstil Brutalismus vorbei, was hier die wichtigsten Merkmale sind.
Wofür war 33 Thomas Street gedacht?
Also: Wieso brauchte man damals ein solches Gebäude? Und warum gerade in Manhattan?
Der Auftraggeber für den Bau dieses Kolosses war AT&T / Bell System, ein Unternehmen, das zu dieser Zeit eine absolute Monopolstellung in der Telekommunikationstechnik inne hatte. Ziel war es, ein landesweit krisensicheres Netz aufzubauen.
Gerade die Long Lines, also Netze, die Ferngespräche zwischen Städten und Bundesstaaten ermöglichten, waren von großer Bedeutung. In Manhattan sollte ein gigantischer Knotenpunkt für eine massive Verkehrsdichte entstehen.
Denn hier gab es die höchste Teilnehmerdichte und kurze Wege zu allen wichtigen Institutionen: Börsen, Behörden sowie den großen Medienhäusern. Alles an einem Ort und auf kurzem Wege mit den Long Lines vernetzt. Das spielte eine erhebliche Rolle, denn Signalverlust und Verzögerungen in der Reaktion der Kommunikationssysteme sollten möglichst minimiert werden.
Architektur von 33 Thomas Street
Das Architekten-Team John Carl Warnecke & Associates wurde also damit beauftragt, ein Gebäude zu entwerfen, das alle Anforderungen erfüllt: für die 70er Jahre und weit darüber hinaus. 33 Thomas Street sollte also der Telekommunikation als Knotenpunkt dienen.
Gehen wir einen Schritt zurück: Was hieß Telekommunikation damals überhaupt? In Kurzform: große elektromechanische Systeme mit riesigen Geräten, die gerne mal einen ganzen Raum füllen konnten.
Die schwere Technik verursachte nicht nur ordentlich Last für die Decken, sondern auch eine Menge Abwärme. Kein Wunder also, dass die Geschosse recht hoch angesetzt worden waren. Man wollte ja auch für die Zukunft gewappnet sein.
Gigantische Kabeltrassen zogen sich vertikal über viele Geschosse, tausende Kupferkabel mussten verlegt werden. Als wäre 33 Thomas Street kein vollwertiges Büro- und Technikgebäude, sondern eine mehrschichtige Technikplattform – ein riesiges vielstöckiges Mainboard des vergangenen Jahrhunderts.
Stilistisch lässt sich 33 Thomas Street in den Spätbrutalismus oder Infrastrukturbrutalismus einordnen. Der Monolith aus Stahlbeton hat keine Fenster. Nichts kommt rein oder raus. Kein verspieltes Design, kein Logo des Auftraggebers, kein Schnickschnack: Funktion ging hier eindeutig über die Außenwirkung.
Mehr noch: Es ging hier nur darum, ein Gebäude zu schaffen, das sämtlichen Gefahren seiner Zeit standhalten konnte. Und zu garantieren, dass die Kommunikation mit anderen Städten und Staaten in jedem Fall gewährleistet ist.
33 Thomas Street im Kontext: Sicherheit & Kalter Krieg
Wenden wir uns von der technischen Seite ab und sehen uns die politische Lage damals an, fällt ein weiterer zentraler Punkt auf. 33 Thomas Street wurde mitten im Kalten Krieg zwischen den USA und Russland geplant. Man rechnete im Wettrüsten damals mit allem: Sabotage, Atomschlägen oder elektromagnetischen Störungen.
Also entschied sich das Architekten-Team für ein Gebäude ganz im Stil des Brutalismus. Aber nicht, weil sie den Architekturstil so schön fanden – wer tut das schon? – sondern aufgrund der zahlreichen Vorteile, die diese Bauweise mit sich bringt. Eine massive Betonhülle, geschützt von geflammtem schwedischen Granit. Keine Fenster, keine Angriffspunkte und teils abgeschirmte Räume.
Damit war 33 Thomas Street gegen alle Gefahren, die zu dieser Zeit relevant waren, abgesichert. Der Knotenpunkt für die Long Lines würde auch eine Atomexplosion überstehen. Wir können also zusammenfassen: Ursprünglich ist 33 Thomas Street kein Geheimdienstbau, sondern ganz einfach ein ziviler Infrastrukturbunker.
33 Thomas Street: Tragwerk & Ingenieur Leistung
Über die Architektur des Gebäudes haben wir bereits gesprochen. Jetzt sehen wir uns ein paar technische Details an. Mit einer Höhe von 170 m und 29 Stockwerken passt es, rein von den Daten her, in den Bereich der damals typischen großen Bürogebäude.
Konventionelle Bürogebäude liegen in Sachen Nutzlast bei ca. 2,0–3,0 kN/m². Bei 33 Thomas Street liegen die Werte deutlich höher. Experten gehen von mind. 7–10 kN/m² aus.
Die massiven Stahlbetondecken waren also auf weit mehr als die üblichen Lasten ausgelegt. Nicht nur wurden erhebliche Ausbaureserven mit einberechnet, auch die Redundanz des Tragwerks war von großer Bedeutung.
Kurzum: Fallen wichtige Bauteile aus, beispielsweise durch Bomben oder Naturkatastrophen, können die umliegenden Bereiche die notwendigen Lasten mit aufnehmen. Auch fehlende Fenster unterstützen die Stabilität des Gebäudes, denn Lasten können ohne Umleitung direkt nach unten abgeleitet werden. Das macht 33 Thomas Street enorm widerstandsfähig, sowohl gegen Anschläge als auch gegen Stürme und Erdbeben.
Doch nicht nur das. Die Bauweise, monolithisch mit hoher Eigenmasse und ohne Auskragungen, sorgt für niedrige Schwingungen – von innen und außen. Das war vor allem für die Telekommunikationsanlagen wichtig. Denn die reagieren empfindlich auf Verkehrserschütterungen und Schwingungen, die durch Wind ausgelöst wurden.
33 Thomas Street: Ein autarkes Hochhaus
Ein weiterer interessanter Fakt: 33 Thomas Street verfügt seit seiner Errichtung über eine eigene Stromversorgung und entsprechende Notstromsysteme. Wichtig war das vor allem für die Kühlung der Technikflächen. Die Vermittlungs- und Schalttechnik sowie die damit verbundenen massiven Kabeltrassen gaben schließlich einiges an Wärme ab.
Wo wir gerade bei Wärme sind: Wie macht man ein fensterloses Gebäude überhaupt sicher gegen Brände? Ohne Fenster ist weder ein natürlicher Rauchabzug noch eine klassische Rettung über die Fassade möglich. Die Lösung beim Brandschutz eines solchen Hochhauses sind sogenannte zonenbasierte Brandschutzabschnitte, wie man sie etwa bei Bunkeranlagen nutzt: druckbelüftete Fluchtwege und mehrere unabhängige Versorgungssysteme.
33 Thomas Street im technologischen Wandel
Ab den 1980ern drehte sich der Datenwind. Bisherige Telefonleitungen wurden immer unwichtiger. Analog verschwand und machte Platz für digitale Datenübertragungen. Die einst analogen Audiosignale wurden automatisch in den Bitstream übersetzt. Hier liefen nur noch 1en und 0en über die Bildschirme.
Die meisten großen Knotenpunkte für Longlines wurden rückgebaut. Man brauchte sie einfach nicht mehr. Und 33 Thomas Street steht heute noch. Warum? Ganz einfach: Es ließ sich hervorragend umnutzen. Das Tragwerk war noch lange nicht am Limit, seine Innenräume waren flexibel nutzbar und wichtige Infrastruktur, wie Lüftung, Kühlung und Strom, ließen sich weiter ausbauen.
Snowden-Leaks – Titanpointe
Im Jahr 2013 meldete sich ein junger Mann bei seinem Arbeitgeber ab, um einige Tage frei zu nehmen. Er fuhr allerdings nicht zurück zu seiner Familie, sondern setzte sich in den nächsten Flieger nach Hongkong. Von dort aus veröffentlichte er geheime Dokumente. Ihr ahnt es sicher bereits: Hier geht es um Edward Snowden, einen damaligen NSA-Mitarbeiter. Und um den vielleicht größten Whistleblower der Geschichte.
Seine Leaks legten ein weltweites System massenhafter Überwachung, unter anderem durch Geheimdienste der USA, offen. In seinen Unterlagen wurde deutlich, dass nicht nur Daten aus den zivilen Glasfasernetzen gezielt abgegriffen wurden. Vielmehr geschah das Ganze direkt an zentralen Knotenpunkten der Infrastruktur für Telekommunikation. Oft sogar in enger Zusammenarbeit mit den Netzbetreibern. Natürlich war das ein riesiger Skandal.
Ihr merkt schon: zentrale Knotenpunkte in der Infrastruktur für Telekommunikation. So etwas war 33 Thomas Street auch einmal. Und in den folgenden Jahren deckten investigative Recherchen auf: Das hatte sich strenggenommen nie geändert. Das Gebäude 33 Thomas Street in New York konnte sicher dem Codenamen “Titanpointe” zugeordnet werden.
Was passierte mit 33 Thomas Street?
Was nach dem Niedergang der meisten Knotenpunkte für Telekommunikation mit 33 Thomas Street geschah, wissen wir nicht genau. Überhaupt stammen alle bekannten Informationen aus den geleakten Akten. Vieles, was in den Nachrichten oder auf diversen Internetseiten zu 33 Thomas Street geschrieben ist, sind keine gesicherten Informationen.
Gerade die Flut an abenteuerlichen Verschwörungstheorien – von Geheimlaboren mit Alien-Technologie bis hin zu einem Bunker für Superreiche im Falle eines Fallout-Szenarios – ist bestenfalls fragwürdig. Viel Fantasie, eine übermäßig große Portion Paranoia und eine Menge Fantasie scheinen eher ihr Ursprung zu sein.
Wir möchten uns in diesem Beitrag auf gesicherte, belegbare Fakten stützen und mit gesundem Menschenverstand Zusammenhänge dort schaffen, wo sie realistisch sind. Fest steht: Snowden lieferte erstmals handfeste Beweise dafür, dass die NSA ihre Nase in weit mehr als ihre eigenen Angelegenheiten steckt.
Unter anderem das mittlerweile als Projekt Titanpointe bekannte Gebäude 33 Thomas Street wurde genutzt, um nicht nur die Datenströme der eigenen Bevölkerung, sondern weltweite Kommunikation abzugreifen. Was macht 33 Thomas Street zum perfekten Ort für so ein Vorhaben?
Ein Punkt ist der einstige Zweck des Hochhauses. Als zentraler Long-Lines-Knoten ist 33 Thomas Street der Ort, an dem die Glasfaser-Haupttrassen zusammenlaufen. Hier standen jahrzehntelang hochmoderne Geräte, um in großem Stil Signale zu verarbeiten. Und es wurde beim Bau mehr als genug Reserve eingeplant, um den technischen Umfang in Zukunft zu erweitern. Ziemlich sicher ist genau das passiert.
Was wir nicht genau wissen, ist, in welchem Umfang die NSA 33 Thomas Street für die Überwachung des weltweiten Datenverkehrs nutzt. Ebenfalls unklar ist, welche Daten hier genau erfasst wurden und was damit am Ende passiert. Es ist nicht einmal geklärt, ob die NSA ihr Tun nach den Snowden-Leaks in gleicher Weise fortgesetzt hat. Ein offizielles Statement gab es nie.
Offizielle Baupläne oder Unterlagen zur Statik, die eine NSA-Nutzung nahelegen, gibt es nicht. Dass der Geheimdienst hier eine seiner größten Spionage-Basen hat, ist lediglich eine Herleitung aus der bekannten Infrastruktur von 33 Thomas Street und den Informationen der Leaks. Wir wissen also nicht vieles sicher, aber das meiste können wir uns denken.
Warum 33 Thomas Street ideal für die NSA ist
Aus technischer Sicht ist 33 Thomas Street nahezu ideal als Abhörknoten. Geradezu prädestiniert. Das Gebäude bietet hohe Reserven in seiner Tragstruktur. Schwere Rechen- und Analysegeräte sind kein Problem für den Koloss aus Stahlbeton. Dazu noch eine autarke Energieversorgung für die großen Technikflächen: Mehr energetische Sicherheit geht kaum.
Auch die massive Abschirmung, ob elektromagnetisch oder physisch, macht es zu einem perfekten Bunker, in dem von äußeren Einflüssen wohl nie etwas zu spüren sein wird. Von außen sieht man absolut nichts, was auf das Innenleben hindeutet. 33 Thomas Street ist wie gemacht, um von hier aus Milliarden von Datenströmen zu überwachen.
Fazit: NSA-Bunker 33 Thomas Street
Zusammenfassend können wir sagen: Der Brutalismus diente hier nicht als Stil, sondern als Architektur, in der Funktion weit über dem Design stand. Schutz vor der Außenwelt bieten, um sie letztendlich zu überwachen und zu kontrollieren. Das Hochhaus ohne Augen bietet keine Einblicke in die Welt jenseits des geflammten schwedischen Granits. Keine Schwachstellen, keine Öffentlichkeit.
Man könnte fast sagen, 33 Thomas Street sei weniger ein Hochhaus als ein vertikaler Bunker. Oder eher ein technisches Infrastruktur-Monster. Fest steht: Die Nutzung des Gebäudes durch die NSA ist weitgehend anerkannt, auch durch Experten. Aber alles wissen wir noch lange nicht – sehr wahrscheinlich bleibt das auch so.
Architektur ist nie neutral oder unschuldig. Auch wenn 33 Thomas Street zu Beginn sicher nicht als Abhörbasis der NSA entworfen wurde. Eine geheimdienstliche Nutzung nach dem Ende der Telefon-Ära war allerdings nur logisch. Vielleicht hätte es auch einfach Unsummen gekostet, diesen Koloss abzureißen.
Wäre eine Umnutzung möglich gewesen? Sicher. Theoretisch schon. Aber warum für etwas Öffentliches, Unschuldiges nutzen, wo es geradezu prädestiniert war für alles Mögliche, das nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte? Die Wahl, diesen Kommunikations-Knotenpunkt in Gänze auszunutzen, ist weit weg von moralisch in Ordnung. Aber, wenn wir ehrlich sind, sie lag nah. So nah, dass die NSA damals sicher gewaltig darüber gestolpert ist.
Aus Sicht des Ingenieurwesens ist Titanpointe, oder 33 Thomas Street, wenn wir seinen bürgerlichen Namen verwenden wollen, in jedem Fall faszinierend. Diese Überdimensionierung, das gewaltige Potenzial hinter dem Bauwerk, ist einfach großartig. Heute würde so etwas vermutlich Unsummen verschlingen.
Da müsste selbst die NSA sich einen saftigen Kredit besorgen. Umso spannender ist es, das Ganze weiter zu beobachten. Vielleicht gibt es ja irgendwann neue Leaks, detaillierte Akten und eventuell sogar Baupläne. Wir behalten das Thema auf jeden Fall auf dem Schirm.