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9. Juli 2026

Home Insurance Building: Der erste Wolkenkratzer der Welt

Wolkenkratzer gibt es überall. Viele von uns sind mit ihnen aufgewachsen, kennen also gar keine Welt ohne Rekord-Hochhäuser. In diesem Beitrag schauen wir zurück auf die Anfänge. Das Home Insurance Building in Chicago war der erste Wolkenkratzer der Welt. Entstanden ist es nicht aus Prestige-Gründen, sondern aus purer Notwendigkeit nach einem der prägendsten Ereignisse der Stadtgeschichte: dem Great Chicago Fire. Klingt spannend? Dann lest rein!

Heute definieren sich Mega-Städte wie New York, Dubai oder Shanghai über ihre Skylines. Oft erkennt man eine Stadt gar nicht an einem spezifischen Gebäude, sondern mit einem Blick auf die Skyline. Wir kennen Großstädte gar nicht ohne und doch gibt es Hochhäuser noch gar nicht so lange. Genauer gesagt erst seit dem späten 19. Jahrhundert.

Bauwesen im 19. Jahrhundert: Jenseits des ersten Hochhauses

Das Bauwesen ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Ob in der Antike, im Römischen Reich oder im Mittelalter: Sichere Behausungen zu bauen, war schon immer Kernpunkt der Baubranche. Mit der Industrialisierung änderten sich die Ansprüche an Wohngebäude erheblich. Es gab immer mehr Menschen und der Großteil von ihnen drängte in die Städte.

Aber nicht nur bei Wohnbauten gab es immer höheren Innovationsdruck. Neben verschiedensten Fabrikhallen wurden auch Bürogebäude gebaut. Handelsgesellschaften, Verwaltungen, Zeitungen: Möglichst viele Leute sollten hier arbeiten können. Und die Baubranche? Die hinkte ordentlich hinterher. Im 19. Jahrhundert galt das gute alte Naturgesetz des Bauens: Je höher ein Gebäude wurde, desto dicker mussten seine Wände sein. Nur massiv war wirklich sicher.

Drei, vier, vielleicht fünf Stockwerke und dann war aber auch Schluss. Sonst konnte so ein Massivbau ordentlich teuer und materialintensiv sein. Mal ganz abgesehen von viel zu dicken Wänden für eine vernünftige Flächennutzung. Dann wurde ein Gebäude erbaut, das die Zukunft der Baubranche für immer verändern sollte: Das Home Insurance Building war mit seinen zehn Stockwerken der erste wirkliche Wolkenkratzer der Welt. Wir sehen uns in diesem Beitrag genauer an, wie es überhaupt dazu kam und wie das Hochhaus aufgebaut war.

Home Insurance Building: Innovation aus der Not heraus

Es gibt bekanntlich zwei Wege, wie große Innovationen entstehen. Entweder durch eine große, prestigeträchtige Idee, die verwirklicht werden soll, oder aber aus purer Notwendigkeit heraus. Im Falle des ersten Wolkenkratzers war es das Great Chicago Fire, ein Großbrand von 1871, bei dem ein Feuer den Großteil der Innenstadt zerstörte.

Über 17.000 Gebäude gingen verloren, Hunderttausende Menschen waren obdachlos. Die Stadt musste praktisch wieder neu aufgebaut werden. Gleichzeitig entwickelte sich Chicago immer weiter zum Verkehrsknotenpunkt des Landes. Die Wirtschaft boomte, Eisenbahn, Industrie und Handel sorgten für rasantes Wachstum. Damit verbunden wurden Grundstücke in der Stadt immer teurer.

Also: Wie bekommt man mehr Nutzfläche auf dieselbe Grundstücksfläche? Richtig: Man baut ganz einfach in die Höhe! So einfach war das allerdings nicht. Denn die traditionellen Bauweisen stießen schnell an ihre Grenzen. Am Ende mussten Wände im Erdgeschoss mehrere Meter dick sein, um mehr als drei Stockwerke tragen zu können. Das war nicht nur extrem unwirtschaftlich, sondern auch unpraktisch. Daher war man offen für neue Ideen – zumindest in einigen Teilen der Fachwelt.

Home Insurance Building: Ingenieur statt Architekt

Also, welcher namenhafte Architekt war für das Home Insurance Building verantwortlich? Keiner. Denn Schöpfer des Gebäudes war der Ingenieur William Le Baron Jenny. Er hatte solide Erfahrungen mit Eisen- und Brückenkonstruktionen und schlug für das Home Insurance Building ein Tragwerk aus Eisen und Stahl vor. Diese Konstruktion sollte anschließend feuerfest mit Ziegel- und Tonplatten ummantelt werden.

Dadurch entstand ein inneres Skelett, das den Großteil der Lasten aufnahm und die Außenwände blieben bei der Lastaufnahme außen vor. Damit sollte das gesamte Gebäude nur etwa ein Drittel von einem vergleichbaren Massivbau auf die imaginäre Waage bringen. Und wir erinnern uns: Nur massiv ist sicher. Verständlicherweise machte das die Behörden ziemlich nervös.

William Le Baron Jenny präsentierte seinen Entwurf im Jahr 1884 der Öffentlichkeit und trat damit eine der umfangreichsten Diskussionen der damaligen Baubranche los. Mit ursprünglich 10 Stockwerken und einer Gesamthöhe von 42,1 m war die Stadtverwaltung alles andere als einverstanden.

Beamte stoppten zeitweise den Bau, die Behörden ordneten eine Sicherheitsprüfung an. Und dann noch eine. Sie befürchteten, das Home Insurance Building würde beim Bau oder spätestens nach seiner Fertigstellung einfach in sich zusammenfallen. Letztendlich überstanden die Pläne jede Prüfung und der Bau konnte 1885 abgeschlossen werden.

War das Home Insurance Building wirklich der erste Wolkenkratzer?

Tatsächlich wird das Home Insurance Building oft als erster Wolkenkratzer bezeichnet. Viele von euch, die sich mit der Materie auskennen, werden sagen, dass diese These umstritten ist. Und das ist richtig. Schon vor dem Home Insurance Building gab es hohe Gebäude, Eisenkonstruktionen und erste Vorhangfassaden. Allerdings kamen beim Bau des Home Insurance Buildings erstmals all diese Innovationen zusammen.

Die Höhe des Gebäudes, eine feuerfeste Konstruktion, das tragende Skelett aus Stahl und sein Zweck als Bürogebäude: All das sind Merkmale des modernen Hochhausbaus. Aus diesem Grund lässt sich festhalten, dass das Home Insurance Building vielleicht nicht das erste hohe Gebäude war, aber zweifellos das erste moderne Hochhaus.

Streng genommen war es auch kein klassischer Wolkenkratzer, wie wir sie heute kennen, sondern ein Hybridbauwerk. Es bestand aus gusseiserne Stützen, schmiedeeisernen Trägern und teils bereits Walzstahlträgern. Damit befand es sich genau an der Grenze von Eisen- und Stahlbau. Der Hintergrund dazu ist einfach zu erklären: Damals war Stahl noch sehr teuer und nicht immer überall zu bekommen. Also nutzte Jenny die modernsten Materialien, die ihm zu dieser Zeit zur Verfügung standen.

Home Insurance Building: Eine Erweiterung

Anders als von der Stadtverwaltung befürchtet, war das Home Insurance Building ein voller Erfolg. Ein so großer, dass wenige Jahre später sogar angebaut wurde. Aber nicht hinten oder an der Seite, sondern oben drauf. Im Jahr 1891 wurden zwei weitere Stockwerke aufgesetzt, damit stieg die Höhe auf 54,9 m an.

Home Insurance Building: Der Abriss des ersten Wolkenkratzers

Die Jahrzehnte vergingen und Ende der 1920er Jahre war das Home Insurance Building noch immer zu 90 % vermietet. Technisch funktionierte es einwandfrei, aber die Zeiten hatten sich geändert. Es galt als veraltet, schließlich waren nach seinem Vorbild längst größere Gebäude entstanden. Auf dem Grundstück sollte das neue Field Building entstehen. Also erfolgte 1931 der Abriss des Home Insurance Buildings.

Völlig vergessen wurde das Home Insurance Building allerdings nicht. Denn nach dem Abriss wurde am neuen Field Building eine Gedenktafel angebracht, auf der William Le Baron Jenney als Vater des ersten Wolkenkratzers verewigt war. Sein Tragwerkssystem setzte sich weltweit durch. Nahezu jedes moderne Hochhaus basiert bis heute auf demselben Grundprinzip.

Für moderne Wolkenkratzer dagegen wurde diese Technik Jahrzehnte später erneut weiterentwickelt, um noch höhere Bauwerke möglich zu machen. Die Rede ist hier vom Tube-System, das von Fazlur Rahman Khan erfunden wurde und sich weltweit durchsetzte. Über ihn haben wir bereits in einem vorangegangenen Beitrag berichtet. Schaut gerne mal vorbei: Fazlur Rahman Khan: Vater der Skylines .

Fazit: Das Home Insurance Building

Nicht nur der Skelettbau mit Vorhangfassade war eine Innovation, die durch das Home Insurance Building seinen Weg in die Standards der Baubranche fand. Eine weitere Lehre, die das Gebäude mit sich brachte, war die Problematik mit dem Fundament. Denn Chicago steht auf relativ weichen Tonschichten, wodurch auch beim Home Insurance Building nach der Erweiterung bereits Setzungen festgestellt wurden.

Später wurden auf dieser Grundlage für höhere Gebäude neue Gründungsverfahren entwickelt. Dazu gehörten Pfahlgründungen und Senkkästen (Caissons). Damit trug das Home Insurance Building noch einen zweiten wichtigen Punkt zur Weiterentwicklung des Hochhausbaus bei.

Das Home Insurance Building existiert heute nicht mehr. Allerdings eröffnete sein Vorbild ungeahnte Möglichkeiten. Durch kontinuierliche Weiterentwicklung dieser Idee vom Wolkenkratzer konnten unsere Skylines so spektakulär werden, wie sie es heute sind. Die Idee von William Le Baron Jenney begegnet uns noch immer überall. Das Home Insurance Building ist nie völlig verschwunden, denn es lebt weiter – nur wesentlich höher als 1885 mit seinen zehn Stockwerken.

Dass eine innovative Idee skeptisch betrachtet, letztendlich jedoch zum neuen Standard wurde, ist keine Seltenheit in der Baubranche. Es gibt zahlreiche Beispiele, bei denen sich Ingenieure und Architekten gegen Bewährtes durchsetzen und neue Ideen etablieren konnten. Wenn ihr mehr dazu lesen möchtet, empfehlen wir euch die folgenden Beiträge:


Autor

Luisa arbeitet als Copywriterin und betreut den Dlubal Blog. Dabei erstellt sie redaktionelle Inhalte, Texte und Headlines und sorgt für eine konsistente sprachliche Gestaltung der Beiträge.



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