Gemäß 6.4.2 (2) [1] sind Rundschnitte in einem Abstand kleiner 2 d zu berücksichtigen, wenn der konzentrierten Last ein hoher Gegendruck (zum Beispiel Sohldruck auf das Fundament) entgegenwirkt. Die Lage des kritischen Rundschnitts ist in der Regel iterativ zu ermitteln.
Der deutsche nationale Anhang [2] erlaubt im NCI zu 6.4.4 (2) für Bodenplatten und schlanke Fundamente mit λ = aλ / d > 2 eine vereinfachte Berechnung (aλ = kürzester Abstand zwischen Lasteinleitungsfläche und Fundamentrand). Hierbei kann der kritische Rundschnitt im Abstand von 1 d angesetzt werden.
RFEM 6 ermittelt die Lage des kritischen Rundschnitts bei Fundamenten und Bodenplatten grundsätzlich iterativ. Eine manuelle Definition des Bauteiltyps 'Fundament' ist dabei nicht erforderlich. Das Programm erkennt die Fläche anhand der zugewiesenen Bodenbettung automatisch als Fundament und berücksichtigt die daraus resultierende entlastende Bodenpressung bei der Ermittlung der maßgebenden Durchstanzlast.
Die resultierende einwirkende Kraft ist nach Gleichung (6.48) in [1] VEd,red = VEd - ΔVEd. Wobei ΔVEd gemäß 6.4.4 (2) die resultierende nach oben gerichtete Kraft (nach oben gerichteter Sohldruck abzüglich der Fundamenteigenlast) innerhalb des betrachteten Rundschnitts ist.
Der Sohldruck, der beim Durchstanznachweis als günstige Einwirkung berücksichtigt werden soll, wird in RFEM 6 automatisch aus der vorhandenen Sohlspannung berechnet. Die Größe der abzuziehenden Flächenlast sowie ihr prozentualer Anteil können in den Tragfähigkeitskonfigurationen individuell angepasst werden. Für die iterative Ermittlung des kritischen Rundschnitts lässt sich außerdem festlegen, dass die maximal abziehbare Flächenlast innerhalb des definierten kritischen Rundschnitts liegt, beispielsweise in einem Abstand von 1,0·d.
Beispiel für die iterative Ermittlung der Lage des kritischen Rundschnitts
Nachfolgend soll die iterative Ermittlung des kritischen Rundschnitts in RFEM 6 mit einer Vergleichsrechnung, bei welcher die einzelnen Rundschnitte manuell vorgegeben werden, überprüft werden.
Zunächst wird hierzu eine kleine Fundamentplatte (Plattendicke dPL = 500 mm, Länge ∙ Breite = 2,00 m ∙ 2,00 m) in RFEM 6 modelliert, auf welcher eine kurze Stahlbetonstütze (Querschnitt: Rechteck 350 mm ∙ 350 mm, Länge L = 2,00 m) aufgebracht wird. Als Material wird ein Beton mit der Festigkeitsklasse C30/37 angesetzt. Das Eigengewicht der eingegebenen Struktur wird hierbei mit berücksichtigt. Die Stütze wird am Stützenkopf durch Vertikallasten beaufschlagt. Im Eigengewichtslastfall wird eine Vertikallast von Gk = 800 kN aufgebracht, im Nutzlastlastfall eine Vertikallast von Qk = 450 kN. Hieraus ergibt sich für die Lastkombination LK1 = 1,35 ∙ G + 1,50 ∙ Q ein Bemessungswert der Einwirkung von VEd = 1763,27 kN.
Zur Bestimmung der abzuziehenden Flächenlast werden die Kontaktspannungen σz für die LK2 ausgewertet. Für dieses Beispiel wird für die maßgebende Lastkombination eine mittlere Kontaktspannung von σz = 438,12 kN/m² ermittelt.
Die Lage der Längsbewehrung in der Fundamentplatte kann im Reiter 'Flächenbewehrung' definiert werden. Für dieses Beispiel wurde eine Betondeckung von d1 = 4,60 cm und d2 = 5,00 cm vorgegeben.
Hieraus resultiert eine statische Höhe d von 44,0 cm. Eine Grundbewehrung für die Ermittlung des Durchstanzwiderstandes der Fundamentplatte wurde zu 7,85 cm2/m definiert.
Nachdem die Berechnung mit den beschriebenen Eingaben durchgeführt wurde, kann ein Nachweiskriterium von 0,87 abgelesen werden. In den Ergebnisdetails können die Zwischenwerte für die Ermittlung der resultierenden einwirkenden Querkraft VEd,red entnommen werden.
Das Add On 'Betonbemessung' ermittelt die Lage des kritischen Rundschnitts hierbei in einem Abstand lw,it = 0,345 m vom Rand der Lasteinleitungsfläche. Hieraus ergibt sich eine Fläche innerhalb des kritischen Rundschnitts von:
A = 0,345² ∙ π + 4 ∙ 0,345 ∙ 0,35 + 0,35² = 0,98 m²
Die daraus resultierende entgegenwirkende Querkraft ΔVEd beziehungsweise resultierende einwirkende Querkraft VEd,red ergibt sich zu:
ΔVEd = 0,98 m² ∙ 438,12 kN/m² = 429,36 kN
VEd,red = 1763,27 kN - 429,36 kN = 1333,91 kN
Überprüfung der iterativ ermittelten Lage des kritischen Rundschnitts
Das aus der ersten Berechnung resultierende Ergebnis und die in RFEM 6 iterativ ermittelte Lage des kritischen Rundschnitts sollen in einer zweiten Berechnung überprüft werden.
Hierzu kann die Lage des kritischen Rundschnitts vor dem Start der Berechnung in RFEM 6 manuell vorgegeben werden. Es wird hierbei eine schrittweise Erhöhung des Abstandes zur Lasteinleitungsfläche von ΔL = 0,05 m angesetzt. Insgesamt wird das Durchstanzen an 15 manuell vorgegebenen Rundschnitten in einem Abstand von lw,def = 0,05 m - 0,75 m untersucht.
Wie in der oberen Abbildung dargestellt, empfiehlt es sich, das zuvor eingegebene Fundament einschließlich der Belastung für diese Berechnung mehrmals zu kopieren. Dadurch können die 15 verschiedenen Berechnungsvarianten in einem Rechendurchgang untersucht werden. In den Tragfähigkeitskonfigurationen für 'Durchstanzen' kann der Abstand zur Lasteinleitungsfläche für jeden Durchstanzpunkt individuell vorgegeben werden.
Nachdem die Berechnung mit benutzerdefinierter Vorgabe der Lage des kritischen Rundschnitts für alle 15 Varianten durchgeführt wurde, können die hieraus resultierenden Ergebnisse ausgewertet werden. Mit einem Blick auf die nachfolgende Grafik ist ersichtlich, dass das Ergebnis aus der ersten Berechnung (mit iterativer Ermittlung der Lage des kritischen Rundschnitts) bestätigt werden kann. Das maximale Nachweiskriterium liegt in einem Bereich zwischen lw,def = 0,30 - 0,35 m (zuvor iterativ ermittelter Abstand lw,it = 0,345 m).
Nachfolgend können die Ergebnisse aus der Berechnung mit manueller Vorgabe der Lage des kritischen Rundschnitts auch graphisch in Form eines Excel-Diagramms ausgewertet werden. Hierbei wird auf der Ordinatenachse der Quotient aus einwirkender aufnehmbarer Querkraftspannung (νEd,red / νRd,c) aufgebracht. An der Abszissenachse wird der Quotient aus dem Abstand zur Lasteinleitungsfläche und der statischen Höhe (ait / d) aufgetragen.
Referenzwerte aus der ersten Berechnung:
Die aus der ersten Berechnung mit iterativer Ermittlung des kritischen Rundschnitts resultierenden Ergebnisse können somit bestätigt werden.