In den 60er und frühen 70er Jahren herrschte helle Aufregung. Fast 30 Jahre nach den letzten Olympischen Spielen in Deutschland, damals noch unter der NS-Diktatur, sollte das Spektakel erneut im Land der Dichter und Denker stattfinden. Das alte Stadion in Berlin, bestehend aus massivem Beton und Stahl, galt als absolute persona non grata. Man wollte sich stark gegen die Vergangenheit positionieren, sich abgrenzen von den 30er und 40er Jahren.
Auch die Architektur sollte ein globales Statement setzen: Für den Bau eines neuen Stadions war das einfach perfekt. So konnte Deutschland auf der großen Bühne beweisen, dass die dunklen Zeiten weit hinter ihm lagen. Etwas Neues musste her. Und so entstand das Olympiastadion München. Keine massiven Betonblöcke. Keine schweren Dächer aus Stahl. Stattdessen transparente Glasflächen, geschwungene Formen und ein Dach, das zu schweben scheint.
In diesem Blogbeitrag sehen wir uns genauer an, wie es zu diesem außergewöhnlichen Bauwerk kommen konnte. Eine architektonische Revolution und gleichzeitig auch ein technisches Meisterwerk – eben echte Ingenieurskunst. Taucht mit uns ein in die Baubranche Ende des 20. Jahrhunderts. Wir brechen gemeinsam auf in eine neue Ära der Architektur: das Olympiastadion München.
Baubranche des 20. Jahrhunderts: Schwer ist sicher
Im Bauwesen galt bis lange ins 20. Jahrhundert ein ganz einfaches Prinzip: Massive Bauwerke sind sehr stabil. Große Flächen mit einem Dach zu überspannen, bedeutete eine ganze Menge Material. Massiver Stahl, viele und dicke Träger sowie massenweise Beton. Klar, das funktionierte. Aber es sah weder schön aus, noch war es auch nur im Ansatz wirtschaftlich.
Warum also nicht leichter bauen? Leichte Konstruktionen galten als riskant. Was, wenn die Struktur am Ende einbricht? Spott der Öffentlichkeit, ein Imageschaden in Fachkreisen: Das wollte niemand riskieren. Zumindest, bis Frei Otto auf die Bühne der Baubranche trat. In den USA gab es übrigens jemanden, der vor dem gleichen Problem stand, nur im Hochbau.
Fazlur Rahman Khan stellte sich ebenfalls entschieden gegen das geltende System: Massiv bedeutet sicher. Dank ihm gibt es heute moderne Wolkenkratzer. Wenn euch seine Geschichte interessiert, schaut hier gerne vorbei: Fazlur Rahman Khan: Vater der Skylines .
Das Olympiastadion München: Neues Symbol für Deutschland
Wir haben es eingangs bereits angesprochen: Die Olympischen Spiele 1972 waren für Deutschland sehr wichtig. Man wollte bewusst ein anderes Bild nach außen vermitteln als damals unter dem NS-Regime. Offenheit, Demokratie und Transparenz standen ganz oben auf der Liste. Ein klassisches monumentales Stadion kam dafür überhaupt nicht infrage.
Das Büro von Günter Behnisch, Behnisch & Partner, gewann den zweiten ausgeschriebenen Architektenwettbewerb mit einem offenen, naturbetonten Konzept. Die große Herausforderung war allerdings das Dach des Stadions. Hier verwies Behnisch auf Werke von Frei Otto, die er auf der Weltausstellung in Montreal gesehen hatte. Also holte er ihn gleich mit ins Boot.
Olympiastadion München: Vom Stoffmodell zur Realität
Frei Otto genoss schon damals einen überragenden Ruf, wenn es um ungewöhnlich leicht aussehende Bauwerke ging. Er schlug vor, kein Dach auf massiven Stützen, sondern aus Spannung zu bauen. Wie sollte das funktionieren?
Gemeinsam mit anderen Planern entwickelte er ein Konzept, das in vielen Teilen der Öffentlichkeit und auch in Fachkreisen für Skepsis sorgte. Eine optisch schwebende Konstruktion aus gespannten Seilen und Glas. Die Stabilität kommt hier nicht von massiven Trägern, sondern entsteht durch Zugkräfte.
Frei Otto nutzte hier sein Prinzip, der Natur das Ingenieur-sein zu überlassen. Er entwickelte Modelle aus Seifenhäuten, Stoff und hängenden Netzen. Denn, das vergessen wir manchmal in der Baubranche, die Natur zeigt uns schon, welche Formen am stabilsten und effizientesten sind. Er ließ also seine physikalischen Modelle die ideale Konstruktion berechnen – kleine Erinnerung: Statiksoftware gab es damals noch nicht. Umso wichtiger waren solche Modelle.
Das Olympiadach: Eine technische Sensation
Am 9. Juni 1969 startete der Bau des damals zweifellos spektakulärsten Stadions der Welt. Neben dem Olympiastadion München, das für unterschiedliche Veranstaltungen genutzt werden konnte, entstanden noch eine Olympia-Schwimmhalle und die Olympiahalle. Eingebettet sind die Gebäude in den Olympia-Park. Denn es sollte nicht nur ein einfacher Austragungsort entstehen, sondern eine harmonische Landschaft, ein stimmiges Gesamtkonzept.
Grünflächen, künstliche Hügel und angelegte Teiche wurden durch schmale Wege begrenzt, die bewusst keinen starren Achsen folgten. Alles, absolut alles sollte sich vom Berlin der 1930er Jahre abheben. Besonders interessant in diesem Zusammenhang: Viele der künstlich aufgeschütteten Hügel bestehen teils aus Trümmerteilen des Zweiten Weltkriegs. Aus den Überresten des alten Münchens entstand etwas ganz Neues: ein Ort der Begegnung.
Kommen wir also zum spannendsten Teil des gesamten Komplexes. Highlight des Olympia-Parks ist zweifellos das transparente Dach. Es überspannt nicht nur das Olympiastadion München, sondern auch Teile der Olympiahalle und die Bereiche, die beides verbinden. Dadurch entsteht ein ganz besonderer Effekt: Alles wirkt wie eine Einheit. Hier spiegelt sich der Demokratiegedanke wider.
Olympiastadion München: Aufbau der Dachkonstruktion
Der Aufbau des Dachs vom Olympiastadion München ist aus Sicht der Tragwerksplanung absolut genial. Unterschiedlich hohe Stahlmasten tragen die Hauptlasten. Wenn man sie in Verbindung mit der restlichen Konstruktion sieht, wirken sie fast wie Bäume. Das riesige Netz aus Stahlseilen wirkt wie ineinandergreifende Baumkronen, die sich hervorragend in die künstlich geschaffene Landschaft einfügen. Selten hat Stahl so elegant gewirkt.
Vielleicht fragt ihr euch jetzt: Wie entsteht die Stabilität beim Dach des Olympiastadions in München? Das sind doch nur Masten und Seile! Bei herkömmlichen Stahlbetonbauten entsteht Stabilität durch Druck auf die tragende Konstruktion. Beim Stadiondach in München dagegen setzten die Verantwortlichen auf Zug- statt Druckkräfte.
Die Seile stabilisieren sich durch diese Vorspannung gegenseitig. Treten Kräfte auf, beispielsweise durch Wind oder das Eigengewicht, werden diese über das gesamte Netz verteilt. Anschließend leiten die hohen Masten sie direkt zu den Verankerungen im Boden ab. Die Methode, Stahlseile vorzuspannen, kommt übrigens aus dem Brückenbau. Genauer gesagt hatte Eugène Freyssinet als Erster die Idee, mit vorgespanntem Stahl zu arbeiten, um Bauwerke eleganter und tragfähiger zu machen. Wenn ihr euch für das Thema interessiert, schaut gerne vorbei:.
Für die Dachflächen beim Olympiastadion München setzte man auf transparente Acrylglasplatten. Diese haben, im Gegensatz zu Stahl, kaum Eigengewicht und bilden im Zusammenspiel mit den Seilen und Masten eine extrem leichte Konstruktion. Gleichzeitig, und darauf kam es an, ist dieses System auch sehr flexibel und hält Umwelteinflüssen problemlos stand.
Beteiligte an der Dachkonstruktion
Die Planung und Konstruktion des Dachs vom Olympiastadion München war allerdings eine echte Herausforderung. Frei Otto stand dem Architekturbüro von Behnisch & Partner als entwicklungstechnischer Berater zur Seite. Aber das waren noch lange nicht die einzigen bekannten Namen, die an diesem Projekt arbeiteten.
Um die Dachkonstruktion am Ende auch umsetzen zu können, wurden unter anderem Fritz Leonhardt und Wolfhardt Andrä, die ein gemeinsames Ingenieurbüro führten, in das Architektenteam aufgenommen. Über Fritz Leonhardt haben wir auf unserem Blog übrigens schon berichtet. Schaut gerne dort vorbei: Fritz Leonhardt: Ein Ingenieur bringt Beton zum Schweben .
Jeder hatte in diesem Expertenteam eine ganz eigene Aufgabe. Geleitet wurde die Projektplanung vom Architekten Fritz Auer, während Frei Otto Teile des Dachs entwickelte. Dazu nutzte Otto das Versuch-und-Irrtum-Prinzip. Wie das Ganze ablief? Er fertigte immer größere plastische Modelle des Dachs an und wenn die Konstruktion versagte, ging er einen Schritt zurück, um neu anzufangen.
Währenddessen arbeiteten Andrä und Leonhardt daran, Stellen des Dachs mittels erster CAD-Programme zu berechnen. Am 21. April 1972 war es dann so weit. Das Dach des Olympiastadions München wurde fertiggestellt und noch heute schwebt diese gigantische Konstruktion fast federleicht über dem Olympia-Komplex.
Olympiastadion München: Einfluss auf modernes Bauen
Das Olympiastadion München sollte ein Symbol für den deutschen Neuanfang werden – und die Rechnung ging auf. Vor allem die Dachkonstruktion wurde weltweit berühmt und inspirierte zahlreiche bekannte Bauwerke, die danach noch folgen sollten. Jede große Stadt wollte ein solches Monument der Leichtigkeit. Eine Verbindung von Prestige und Kunst.
Ein weiterer Architekt, der sich auf geschwungene, fast schwebende Bauwerke spezialisiert hat, ist Santiago Calatrava. Warum seine Großprojekte immer wieder in der Kritik stehen und weshalb er in seiner Heimat mittlerweile eine persona non grata ist, erfahrt ihr hier: Zwischen Eleganz und Eskapade: Santiago Calatrava .
Letztendlich veränderte die Dachkonstruktion am Olympiastadion München die Art und Weise, wie Ingenieure denken sollten. Materialeffizienz und Stabilität passten unter einen Hut. Außerdem mussten sich Natur und Architektur nicht gegenseitig ausschließen, im Gegenteil – sie ließen sich hervorragend verbinden.
Fazit: Olympiastadion München
Das Olympiastadion München ist weit mehr als nur ein Austragungsort für Sportveranstaltungen. Es wurde zu einem Symbol dafür, dass Neuanfänge oft eine gute Portion Mut brauchen. Aber am Ende lohnt es sich. Innovation in einer so alten Branche wie dem Bauwesen hat es nie leicht. Umso beeindruckender sind die Ergebnisse, wenn sich eine neue Idee endlich durchsetzt.
Heute wird das Olympiastadion in München für alle Arten von Veranstaltungen genutzt. Beispielsweise war es von 1972 bis 2005 Heimstadion des FC Bayern München. Im Jahr 1974 wurde dort der FIFA World Cup und 1988 die UEFA Euro ausgetragen. Über Jahrzehnte hinweg war das Olympiastadion München eine der wichtigsten Fußball-Arenen Europas und definitiv eine der schönsten der Welt.
Auch für Konzerte bot sich das Stadion mit seinem spektakulären Dach natürlich an. Hier traten über die Jahrzehnte hinweg internationale Größen wie Michael Jackson, The Rolling Stones, Queen, U2, AC/DC und Coldplay auf. Aber auch ungewöhnliche Events wie Supercross, Motorsport-Shows, Wintersport-Events und andere Extremsport-Veranstaltungen finden bis heute immer wieder dort statt.
Wenn ihr also einmal bei einer Veranstaltung dort sein solltet – oder auch nur in der Stadt: Bucht doch eine Stadionführung! Ihr könnt sogar begleitete Klettertouren auf der Dachkonstruktion mitmachen. Ein ganz besonderes Erlebnis. Dadurch bekommt ihr einen einzigartigen Eindruck von all der Ingenieurskunst, die in diesem Bauprojekt steckt.
Ein Gebäudekomplex mit innovativen Konstruktionen: Das Olympiastadion München hat eine absolut einzigartige Geschichte. Gebaut für wenige Wochen der Olympischen Spiele, bis heute eines der ikonischen Bauwerke der Stadt. In jedem Fall ist es wirklich einen Besuch wert.