Noch in der Antike, der Zeit großer Bauwerke wie dem Kolosseum in Rom, war es es üblich, dass ein Baumeister für die Errichtung solcher Monumente verantwortlich war. Dieser übernahm sowohl den Entwurf des Gebäudes als auch die Planung und Koordination der Ausführung. Im modernen Bauwesen ist das anders.
Heutzutage sind Architektur und Ingenieurwesen strikt voneinander getrennt. Was vor allem daran liegt,dass beide Bereiche wesentlich komplizierter und umfangreicher geworden sind. Sie haben sich sozusagen auseinander gelebt und das hatte Folgen. Nicht selten sind beide Parteien nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen. Entwürfe der Architekten seien nicht baubar, Umsetzungspläne der Ingenieure hätten zu viele Änderungsvorschläge. Architektur und Ingenieurskunst aus einer Hand – geht das heute überhaupt noch?
Santiago Calatrava ist ein spanischer Architekt, Ingenieur und Bildhauer, der genau diesen Weg gegangen ist. Bekannt geworden ist er unter anderem für seine einzigartigen Bauwerke mit futuristischen Designs. Wie Skulpturen ziehen die organisch geformten Kunstwerke inmitten der Großstädte rund um den Globus Blicke auf sich.
Gebäude von Santiago Calatrava sind wahre Touristenmagneten. Und das nicht nur, weil die Dächer oftmals blendend weiß sind, selbst Jahre nach ihrem Bau. Neu? Nein. Mit besonderem Waschmittel gewaschen? Nein! Reinweiße Kacheln aus Keramik ziehen sich wie eine schuppige Haut über die Bauwerke hinweg. Wunderschön. Solange man nicht zu genau hinsieht. Aber dazu später mehr.
Innovatives Bauen trifft auf künstlerische Entwürfe – ein Garant für Erfolg! Wir sehen uns die Person Santiago Calatrava in diesem Beitrag etwas genauer an. Wie ist er so berühmt geworden und wieso gilt er in manchen Ländern trotzdem als persona non grata? Seid gespannt!
Santiago Calatrava: Werdegang und Ausbildung
Santiago Calatrava wurde am 28. Juli 1951 in der spanischen Stadt Valencia geboren und entstammt einem spanischen Adelsgeschlecht. Zunächst studierte er Architektur an der Polytechnic University of Valencia und später Bauingenieurwesen an der Swiss Federal Institute of Technology in Zürich. Im Jahr 1981 erhielt er mit dem Thema zur Faltbarkeit von Fachwerken seine Promotion und eröffnete sein Büro “Santiago Calatrava AG” in Zürich. Zwei weitere folgten 1989 in Paris und Valencia.
1992 wurde ihm die Goldmedaille der Institution of Structural Engineers überreicht. Diese zeichnet bereits seit 1908 professionelle Bauingenieure aus und fördert sie. Noch heute arbeitet Santiago Calatrava in Zürich und New York.
Was Bauwerke von Santiago Calatrava so besonders macht
Von Beginn an erregten seine Entwürfe Aufsehen. Er lässt sich von der Natur inspirieren – und Natur ist immer in Bewegung. Verständlich also, dass er bewegliche Elemente in seinen Bauwerken einplant, die an Tierbewegungen oder menschliche Anatomie erinnern. Bei seinen Entwürfen setzt er für gewöhnlich auf einen harmonischen Mix aus unterschiedlichen Materialien, meistens Stahl, Beton und Glas.
Kaum eine europäische Großstadt hat noch nicht bei Santiago Calatrava angefragt, ob er ihnen ein Bauwerk ins Zentrum setzen würde. Seine Werke sind beliebt, denn sie fallen auf – durch Form, Farbe und Material.
Um euch das Ganze etwas genauer zu erklären, haben wir einige seiner bekanntesten Gebäude für euch herausgesucht. Was ist an ihnen besonders? Was ist typisch für Bauwerke aus der Feder von Santiago Calatrava?
Wer an Bauwerke von Calatrava denkt, dem fällt vermutlich zu aller erst Ciudad de las Artes y las Ciencias in Valencia ein: ein komplexe Name für ein komplexes Kultur- und Wissenschaftszentrum. Seine futuristische Form soll an ein Meereslebewesen erinnern und wirkt durch die fließenden Linien beinahe lebendig.
Vom Meer in den Himmel geht es dagegen beim Milwaukee Art Museum. Das Dach zieht sofort Blicke auf sich und das Beste daran: Diese weißen Flügel sind sogar beweglich. Kein Wunder also, dass es sich hierbei um eines seiner wohl bekanntesten Werke handelt.
Santiago Calatrava schuf allerdings nicht nur Museen und andere Kultureinrichtungen. Er entwarf und baute eine ganze Reihe von Transport- und Verkehrsbauten. Ob Brücken, Bahnhöfe oder U-Bahn-Stationen: Die fließenden Linien und technischen Raffinessen machen jedes noch so alltägliches Bauwerk aus seiner Hand zu einem beeindruckenden Kunstwerk.
Das beste Beispiel hierfür ist wohl der World Trade Center Transportation Hub in New York City, auch bekannt als „Oculus“. Die ungewöhnliche Form machte schnell Schlagzeilen. Allerdings erntete er für dieses Projekt und einige seiner anderen Werke nicht nur Beifall.
Santiago Calatrava: Kritik und Kontroversen
Bauwerke aus den Händen von Santiago Calatrava sind seit Jahrzehnten ein Garant für Erfolg. Touristen lieben diese extravaganten Gebäude mit ihren lebendigen Formen. Wer sich etwas genauer mit der Historie von Calatrava-Projekten beschäftigt, stößt schnell auf Medienberichte, die eine andere Seite des Star-Architekten aufzeigen.
Doppelte Baukosten, erhebliche Zeitüberschreitungen und eine gar arrogante Haltung gegenüber den Auftraggebern: Die Schlagzeilen häufen sich. Dass in der Presse über einen Architekten schlecht geredet wird, ist nicht ungewöhnlich. Bei Zaha Hadid, die wir euch in einem anderen Blogbeitrag vorgestellt haben, war es ganz ähnlich. Wenn euch das Thema interessiert, findet ihr hier den Blogbeitrag über Zaha Hadid .
Also was war dran an der Kritik an Santiago Calatrava, einem Architekten und Ingenieur, der weltweit Auftraggeber von sich überzeugen konnte? Tatsächlich einiges. Natürlich, Fehler passieren und wir sind alle nur Menschen. Allerdings: Wenn sich Zufälle und Probleme häufen, kann man durchaus davon sprechen, dass hier nicht sauber gearbeitet wurde. Wir zeigen euch ein paar Beispiele.
Calatravas Bauwerke: Zwischen Bewunderung und Bausünde
Als einer der bekanntesten Architekten unserer Zeit hat Santiago Calatrava auf der ganzen Welt Aufträge erhalten. Jede große Stadt, die etwas auf sich hält, nennt mindestens eines seiner skulpturalen Projekte sein eigen.
Um euch eine erste Übersicht zu geben, beginnen wir direkt in seiner Heimat. Hier erhielt er besonders viel Kritik, teils aufgrund massiver Mängel seiner Bauwerke. Das Ganze ging so weit, dass er 2012 sein Büro in Valencia schließen musste. Aber eines nach dem anderen.
Projekte in Spanien und Portugal
Die wohl berühmtesten Bauwerke von Santiago Calatrava sind auffallende, monumentale Gebäude, die mit ihren fließenden Formen aus jedem Stadtbild hervorstechen. Zunächst entwarf der Architekt und Ingenieur vor allem Brücken, beispielsweise für Fußgänger. Und auch hier galt schon das Motto: Je prestigeträchtiger und monumentaler, desto besser.
Alamillobrücke in Spanien
International bekannt geworden ist Calatrava mit der Alamillobrücke (Puente del Alamillo) in Spanien. Dabei handelt es sich um eine Schrägseilbrücke, die in Sevilla, der Hauptstadt Andalusiens, über den Fluss Guadalquivir führt. Er entwarf die Harfenbrücke zur Expo 1992 und legte damit einen neuen Meilenstein in Sachen Brückenbautechnik.
Denn die Alamillobrücke war die erste Schrägseilbrücke der Welt, die keine Rückverankerung besaß. Ursprünglich war die Brücke als Doppelbrücke geplant gewesen, aber schon in der Planungsphase zeigte sich: Bereits eine davon war mehr als teuer und kompliziert genug. Ein Umstand, der sich wie ein roter Faden durch den Großteil seiner Bauwerke zog. Daher wurde nur eine Brücke gebaut, die sich aber definitiv sehen lassen kann.
Stadt der Künste und der Wissenschaften
(Ciutat de les Arts i les Ciències, Valencia)
Eines von Calatravas wohl größten Projekten haben wir zu Anfang schon erwähnt. Es geht hierbei um die Stadt der Künste und der Wissenschaften in Valencia. Dabei handelt es sich um ein Park- und Gebäudeensemble, das Calatrava gemeinsam mit dem spanischen Architekten Félix Candela entworfen hat. Im Jahr 1991 war Baubeginn und sieben Jahre später wurde das erste Gebäude feierlich eröffnet. Seitdem gilt dieser Platz als Wahrzeichen der Stadt Valencia.
Ein Teil des Kultur- und Wissenschaftszentrums war beispielsweise das Opernhaus Palau de les Arts Reina Sofía, welches 2006 eröffnet werden konnte. Die Bauform fällt sofort ins Auge. Vor allem das schmale Dach zieht Blicke auf sich, schließlich wirkt es mehr als ungewöhnlich. Mit seinen kurvenförmigen Außenwänden bietet es etwa 40.000 m² Platz. Außerdem gilt es bis heute als das Opernhaus mit dem weltweit größten umbauten Volumen.
Die vier Säle bieten insgesamt etwa 3800 Menschen Platz. Bei 40.000 m² Gesamtfläche hättet ihr etwas mehr erwartet? Zum Vergleich: Im großen und kleinen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg sind es je nach Bühnenaufbau bis zu 2700 Plätze, also gar nicht so viel weniger. Ihr wollt mehr über die Elbphilharmonie, das Wahrzeichen Hamburgs, erfahren? Dann lest doch hier mal rein: Elbphilharmonie in Hamburg .
Nicht nur bei der Kapazität der Säle wird sichtbar, weshalb dieses Opernhaus in Valencia auch einiges an negativer Kritik erfahren hat. Es gilt als zu groß, zu monumental. Die Baukosten überstiegen mit etwa 1,2 Mrd. € das geplante Budget um das Vierfache. Noch dazu hat die Optik dieses skulpturalen Bauwerks seine Nachteile.
Durch die ungewöhnliche Form waren Wartungsarbeiten nicht nur aufwändig, sondern auch sehr kostenintensiv. Ein Großteil der Fläche außerhalb der Säle war gar nicht nutzbar. Noch dazu begann Ende 2013 die Fassade zu bröckeln. Teile der Keramikverkleidung lösten sich und fielen zu Boden. Erst nachdem die Fassade wieder originalgetreu aufgebracht worden war, wurde das Opernhaus erneut für die Öffentlichkeit freigegeben.
Die Regierung der Stadt klagte gegen den Architekten und Ingenieur – erfolgreich. Calatrava wurde zu Rückzahlungsforderungen verurteilt. Bis heute ist dieses Bauprojekt ein Symbol für überdimensionierte Prestigebauten.
Kongresspalast (Palacio de Congresos), Oviedo
Wenn es um Calatravas eindrucksvollste Bauwerke gilt, darf der Kongresspalast im spanischen Oviedo natürlich nicht fehlen. In Auftrag gegeben wurde er direkt von der spanischen Königsfamilie. Gebaut und benannt nach Prinzessin Letizia, der Frau des damaligen Thronfolgers.
Der Palastbau besteht aus drei Gebäudeteilen. Unterirdisch bieten Parkplätze und eine große Ladenpassage den Besuchern Platz, um ein wenig zu flanieren. Was sofort auffällt, ist der zentrale Teil des Palastes, überspannt mit einer großen Kuppel. Hier finden Versammlungen und Ausstellungen statt.
Umbaut ist das Ganze mit einer U-förmigen Randbebauung. Zu finden ist hier ein Hotel mit etwa 150 Zimmern sowie verschiedene Büroräume. In den Stützen der Randbebauung befinden sich die Aufzüge. Als besonderes Highlight sollte zudem das Dach beweglich sein, um die biomorphe Architektur des Bauwerks zu unterstreichen. Doch es lief nicht wie geplant.
Zunächst dauerte es 4 Jahre länger und wurde weit teurer als geplant. So weit nichts Ungewöhnliches. Dass Großprojekte selten im geplanten Rahmen bleiben, ist auch bei uns nicht unbekannt. In unserem Beitrag über Großbauprojekte in Deutschland haben wir uns mit den Hintergründen etwas genauer beschäftigt. Schaut doch mal rein!
Beim Kongresspalast allerdings gab es noch weitere Probleme. Während der Bauphase stürzte 2006 das Dach ein. Der Grund: falsche Montage? Einfach Pech? Nein, ein Konstruktionsfehler seitens Santiago Calatrava, wie ein spanisches Gericht 2014 feststellte. 3,4 Mio. € verursachte dieser Einsturz an Mehrkosten. Doch dabei blieb es nicht. Jovellanos XXI hatte außerdem 6,95 Mio. € dafür ausgegeben, dass das von Calatrava konzipierte Dach mobil war, also bewegt werden konnte. Wegen Problemen mit dem hydraulischen Schiebesystem fiel dieser Plan allerdings ins Wasser.
Das Ergebnis: Abzüglich der noch zu zahlenden Honorare etwa 3 Mio. € Schadensersatz, den Calatrava begleichen musste. Das versetzte seinem Ruf in Spanien, aber auch international einen erheblichen Dämpfer. Für so viel Geld, das sein Büro als Honorar nahm, durften solche Fehler natürlich nicht passieren.
Selbst heute ist die öffentliche Meinung zum Gebäude eher zwiegespalten. Während viele Besucher die Ästhetik des Palastbaus loben, merken andere an, dass dieses Bauwerk überhaupt nicht ins Stadtbild von Oviedo passt. Inmitten der historischen Bauten wirkt es seltsam fehl am Platz. Noch dazu stehen große Teile leer, gerade in der Ladenpassage. Definitiv schade, aber auch absehbar.
Schließlich muss ein so großes Bauwerk auch regelmäßig instand gehalten werden und das kostet eine Menge Zeit und Geld. Die Bewertung eines Besuchers fasst es ganz gut zusammen: Sollte das prestigeträchtige Aussehen eines Gebäudes Vorrang vor Funktionalität und Integration in die Umgebung haben?
Calatravas Bauwerke im Rest der Welt
Kaum ein Architekt ist so umstritten wie Santiago Calatrava. Seine geschwungenen Bauten setzten Maßstäbe in den größten Städten der Welt. Und trotz regelmäßiger Kritik erhielt er immer weitere Aufträge. So auch in den USA.
Haupthalle „Oculus“, New York
Ein emotional und monumental wichtiger Auftrag für Calatrava: Er sollte die Haupthalle für den One World Trade Center Transportation Hub in New York City entwerfen. Als Teil der Erinnerung an den Anschlag auf das World Trade Center war klar: Etwas besonderes musste her. Auffallend, groß und spektakulär. Und Calatrava nahm den Auftrag an.
Wenn ihr heute in New York das One World Trade Center besucht, könnt ihr den Bahnhof gar nicht verfehlen. Das auffällige Gebäude wurde mit seinen strahlend weißen Rippen dem Flügelschlag einer weißen Taube nachempfunden. Das Dach öffnet sich und lässt Sonnenlicht hinein, an jedem Jahrestag der Tragödie, genau um 10:28, dem Zeitpunkt des Einschlags.
Klingt doch schön, nicht wahr? Also endlich ein Gebäude von Calatrava, bei dem es nichts auszusetzen gibt? Das wäre schön, ist aber unwahrscheinlich. Auch hier setzt sich die Serie an berechtigter Kritik fort. Zunächst einmal: Mit 12 Jahren Bauzeit dauerte das Ganze wesentlich länger als vereinbart worden war. Man hatte mit zwei bis drei Jahren gerechnet. Auch die Kosten von fast 4 Mrd. Dollar machen das Gebäude zum wohl teuersten Bahnhof der Welt, dabei war nur etwa die Hälfte als Budget vorgesehen. Aber hat sich diese immense Summe wenigstens gelohnt?
Beeindruckend ist die Oculus-Halle definitiv. Von innen und außen. Gerade das viele Glas lässt sie trotz der Nutzung als Bahnhofshalle sehr offen und einladend wirken. Kein Vergleich zu gewöhnlichen Bahnhöfen. Der Teufel steckt allerdings, wie bei vielen Bauwerken aus Calatravas Hand, im Detail.
Beispielsweise ist ein so wichtiger Bahnhof logischerweise stark besucht. Viele tausend Besucher strömen täglich ein und aus. Problematisch ist nur, dass es nicht nur wenige, sondern auch viel zu schmale Treppen als Abgänge zu den Gleisen gibt. Wenn man sich wie in einer Sardinenbüchse aneinander vorbei schieben muss, fällt die Orientierung schwer. Zudem begann vor einigen Jahren der Mechanismus für die Öffnung des Daches undicht zu werden. Es regnete also hinein, bei einem 4 Mrd. Dollar teuren Bahnhof. Die Reparatur war denkbar aufwändig und teuer.
Weitere Probleme mit Calatravas Bauwerken
Wir könnten tatsächlich noch eine ganze Weile so weitermachen. Würden uns allerdings größtenteils wiederholen: zu teuer, zu lange Bauzeit. Das sind die Hauptprobleme, mit denen Auftraggeber von Santiago Calatrava in der Regel konfrontiert werden. Es gibt allerdings noch weitere. Oft sind es Kleinigkeiten, manchmal auch ein größerer Fauxpas. Einige davon zählen wir hier nur kurz für euch auf:
- Im Opernbau der Stadt der Wissenschaften und Künste in Valencia ist die Bühne nicht von allen Plätzen aus sichtbar
- Glasstege der Brücken in Venedig, Murcia und Bilbao waren rutschig und mussten mit Schutzschicht behandelt werden
- Im valencianischen Wissenschaftsmuseum fehlten Toiletten
- Hohe Wartungskosten für bewegliche Goldskulptur in Madrid (ein Viertel des Gesamtbudgets der Stadt für alle 2000 Baudenkmäler)
- Wasserschäden durch dekorative Teiche, in denen Gebäude sich spiegeln sollten
Aber als andere Seite der Medaille kann man doch sagen: Zumindest hat jede Stadt mit einem Calatrava-Gebäude etwas Einzigartiges. Oder etwa nicht? Tatsächlich gleichen sich viele als einzigartig angepriesene Bauwerke. In der Bewegung erstarrte Mehrzweckhallen oder Kongresszentren gibt es in Oviedo, Valencia und auf Teneriffa. Das Design, die gesamte Formsprache, ähnelt sich auffallend stark. Das gleiche gilt für geschwungenen Brücken in Barcelona, Bilbao und Sevilla.
Fazit zu Santiago Calatrava
Was macht Santiago Calatrava heute? Er arbeitet noch immer in seinen Büros in Zürich und New York City. Nach wie vor erhält er Aufträge. In seiner Heimat Spanien wurde er zur persona non grata, spätestens seit der Spanischen Wirtschaftskrise. 2006 begann die Wirtschaft zu schwanken, 2008 platzte die Immobilienblase. Kein Wunder also, dass Calatravas Prachtbauten zu dieser Zeit in Verruf gerieten. Im Zuge der Krise und seiner Anklagen vor Gericht schloss er sein Büro in Valencia im Jahr 2012.
Seine Mitarbeitenden sind weitestgehend unsichtbar, auf jedem seiner Bauwerke steht die Marke Calatrava. Auch von Meisterschülern, denen er sein Wissen weitergibt, ist nichts bekannt. Wird die Ära von weißen, monumentalen Riesenbauten irgendwann mit ihm enden? Das wird wohl die Zukunft zeigen.
Eleganz und Eskapade: Beides trifft auf Santiago Calatrava zu. Was außer Frage steht: Calatravas Bauwerke sind überdimensional, monumental, beeindruckend. Allerdings stellt uns die hitzige Diskussion über diesen Architekten und Ingenieur vor eine sehr wichtige Frage für die Rolle moderner Architektur in unserer Gesellschaft: Darf Ästhetik über Funktion stehen?
Klar – Bauwerke, die eine ganze Stadt gleich dem Bilbao-Effekt zu anziehenden Metropolen machen sollen, müssen Eindruck schinden. Die meisten Städte, in denen Calatravas Gebäude stehen, haben das aber gar nicht nötig. Vielmehr sollten sich Neubauten am Stil der Umgebung und der Geschichte des Ortes orientieren.
Die Elbphilharmonie in Hamburg beispielsweise hat diesen Spagat zwischen historischer Altstadt und modernem Baustil geschafft, indem ein historischer Speicher als Sockel und ein Glaskörper in Wellenform als Anlehnung an die Bedeutung des Flusses zu einer Einheit verschmolzen wurden. Modern trifft auf Tradition. Es passt einfach. Hier wird Geschichte erzählt.
Bei Calatravas Bauwerken dagegen wirkt es fast, als hätte der Architekt sein Design als Marke genommen und es völlig unpassend ins Stadtbild gedrängt. Hier fehlt der Bezug zur individuellen Umgebung. Besonders fällt das beim Kongresspalast in Oviedo auf. Das moderne strahlende Weiß mit dem opulenten Dach passt einfach nicht zur Stadt. Es wirkt fehl am Platz und so ist es bei vielen seiner großen Prestigebauten.
Selbstverständlich sind Architekten auch Künstler, gerade Calatrava. Schließlich entwarf er seine Gebäude Stück für Stück aus organischen Formen und schuf daraus die ersten Entwürfe als Aquarellzeichnungen, die auch veröffentlicht werden. Er beherrscht sein Handwerk. Allerdings gehört als Architekt und Ingenieur mehr dazu, um ein erfolgreiches Projekt zu bauen.
Es fehlt an individuellen Lösungen, an der Bereitschaft, sich wirklich mit der jeweiligen Stadt zu beschäftigen. An Zeit. Eine Antwort auf die Frage zu finden: Was braucht die Stadt für ein Bauwerk, das sie repräsentiert? Nicht, wie ein Bau möglichst spektakulär und prestigeträchtig aussieht. Sobald spektakuläre einzigartige Kunst austauschbar ist – und das sind einige der Gebäude, die sich doch sehr ähneln – hat sie ihre Intention verfehlt.
Wenn wir uns die zahlreichen Berichte und Gerichtsurteile rund um Calatrava so ansehen, zeichnet sich ein recht eindeutiges Bild. Eine mögliche Konsequenz wäre, zu sagen, Architekten wie Santiago Calatrava würden eine gewisse Mitschuld daran tragen, dass dem gesamten Berufsstand in der Baubranche mit Skepsis gegenübergetreten wird. Sie wollen zu viel, zu groß, zu teuer, zu unnötig pompös.
Lieber konventionell bauen, mit Beton, quaderförmig, langweilig. Dabei hat Baukunst so viel mehr zu bieten. Wir müssen uns heutzutage nicht entscheiden, ob unsere Gebäude gut aussehen oder ihre Funktion erfüllen sollen. Es gibt so viele moderne Ansätze, Ästhetik mit Funktion und Nachhaltigkeit zu verbinden. Sofern man sich darauf einlassen will.
Der Sinn und Zweck, warum wir Bauwerke bauen, scheint nicht nur Calatrava, sondern auch anderen Menschen der Baubranche gelegentlich zu entfallen. Gebäude dienen Menschen. Keinem höheren monumentalen Zweck, keinem Ego einer einzelnen Person oder einer Gruppe. Es geht darum, dass sich Menschen dort wohlfühlen – ganz egal ob kurzzeitig als Reisender, als Besucher, Bewohner oder Büroarbeiter. Seit jeher stehen sich zwei Prinzipien des modernen Bauens entgegen: Bei einem steht die Ästhetik im Vordergrund, beim anderen die Funktion. Doch sehen wir es anders: Der jeweils andere Aspekt wird oftmals völlig vernachlässigt.
Was bringt ein Gebäude, das gut aussieht, aber unpraktisch aufgeteilt und sehr wartungsintensiv ist? Was bringt ein Gebäude, das zwar funktional eingerichtet und einigermaßen kosteneffizient erbaut sowie betrieben werden kann, wenn es nicht einladend auf Besucher wirkt? Beide Bereiche, Ästhetik und Funktionalität, müssen ineinandergreifen. Als Architekt und Ingenieur müsste Calatrava diese beiden Seiten mühelos vereinen können, kennt er schließlich beide Sichtweisen.
Für die Zukunft würden wir uns wünschen, dass die Baubranche wieder mehr miteinander arbeitet als gegeneinander. Architektur ist und bleibt nun einmal eine Dienstleistung und Basis für die weiterführende Arbeit anderer. Künstlerische Freiheit im vorher festgelegten Rahmen: Andere Architekengrößen wie Norman Foster Zaha Hadid haben das auch geschafft, mit ähnlich spektakulären Ergebnissen.