Zur Validierung der Berechnung mit RFEM 6 wird ein in DIN 4017, Beiblatt 1 (2006) [1] beschriebenes Beispiel herangezogen. Betrachtet wird dabei ein mittig und senkrecht belastetes Fundament auf geschichtetem Baugrund, dessen Ergebnisse mit den in RFEM 6 ermittelten Werten gegenübergestellt werden. Ziel dieser Untersuchung ist die Bestimmung des Grundbruchwiderstandes des Bodens unterhalb der Fundamentsohle.
Modellbeschreibung
Das zugrunde liegende Fundament ist rechteckig mit den Abmessungen 4,0 m × 5,0 m und einer Dicke von 1,0 m. Die Fundamentoberkante liegt 1,0 m unterhalb der Geländeoberkante, sodass sich die Fundamentsohle in 2,0 m Tiefe befindet. Der Grundwasserspiegel liegt ebenfalls bei 2,0 m unter Geländeoberkante, also direkt auf Höhe der Fundamentsohle. Die Geometrie sowie die maßgebenden Bodenschichten mitsamt den zugehörigen Kennwerten sind nachfolgend dargestellt.
Baugrundschichten und Kennwerte
| 123 | Spezifisches Gewicht - feucht γ | Spezifisches Gewicht - unter Auftrieb γ‘ | Reibungswinkel φ‘ | Kohäsion c’ | Schichtdicken |
| 1 | 18 kN/m3 | - | - | - | 0,5 m |
| 2 | 18,5 kN/m3 | 11 kN/m3 | 30° | 0 kN/m3 | 3 m |
| 3 | - | 12 kN/m3 | 25° | 5 kN/m3 | 1.5 m |
| 4 | - | 10 kN/m3 | 22,5° | 2 kN/m3 | 2,25 m |
Handrechnung nach DIN 4017, Beiblatt 1 (2006)
Iterative Bestimmung der maßgebenden Bodenkenngrößen φm
Nach DIN 4017 [2] darf bei geschichtetem Baugrund eine Mittelwertbildung der Reibungswinkel φ' vorgenommen werden, wenn die Einzelwerte der anstehenden Schichten nicht mehr als 5° vom gemeinsamen arithmetischen Mittelwert φav abweichen.
Im vorliegenden Beispiel handelt es sich um drei Bodenschichten, die direkt unterhalb des Fundamentes anstehen. Für diese Schichten liegen die Reibungswinkel φ'2 = 30°, φ'3 = 25° und φ'4 = 22,5° vor. Der arithmetische Mittelwert ergibt sich zu φav = ∑ φ'i/n = (30 + 25 + 22,5)/3 = 25,83°.
Die Abweichung vom Mittelwert ist somit geringer als 5°.
1. Iterationsschritt (Start mit φm,0 = 25,83°; α = β = δ = 0):
ϵ1 = asin(−sin(β)/sin(φA,k)) = asin(−sin(0,00°)/sin(25,83°)) = 0,00° – nach A.2
ϵ2 = asin(−sin(δ)/sin(φA,k)) = asin(−sin(0,00°)/sin(25,83°)) = 0,00° – nach A.5
ϑ1 = 45° − φm,0/2 − (ϵ1 + β)/2 = 45° − 25,83°/2 − 0 = 32,1° – A.1
ϑ2 = ϑ3 = 45° + φm,0/2 − (ϵ2 + β)/2 = 45° + 25,83°/2 − 0 = 57,9° – A.3
υ = 180° − α − β − ϑ1 − ϑ2 = 180° − 0° − 0° − 32,1° − 57,9° = 90° – A.6
r2 = B'/(2⋅cos(ϑ2)) = 4,00 m/(2⋅cos(57,9°)) = 3,76 m – A.7
r1 = r2⋅e(0,5π⋅tan(φm,0)) = 3,76 m⋅e(0,5π⋅tan(25,83°)) = 8,03 m – A.8
ls = (r1 − r2)/sin(φ) = (3,76 m − 8,03 m)/sin(25,83°) = 9,80 m – A.17
Gesamtlänge der Gleitlinie nach Bild 3 dieses Beiblatts:
Σl = r2 + r1 + ls = 3,76 + 8,03 + 9,81 = 21,60 m
l1 = (z3 − d)/(sin(ψ2)) = 1,50/0,847 = 1,77 m
l2 = (z4 − z3)/(sin(ψ2)) = 1,50/0,847 = 1,77 m
l4 = (z3 − d)/(sin(ψ1)) = 1,50/0,531 = 2,82 m
l5 = (z4 − z3)/(sin(ψ1)) = 1,50/0,531 = 2,82 m
l3 + l6 + ls = Σl − (l1 + l2 + l4 + l5) = 21,60 m − 2⋅(1,77 + 2,82) = 12,42 m
φ'2 = (4,59⋅30,0° + 4,59⋅25,0° + 12,42⋅22,5°)/21,60 = 24,6°
c'2 = (4,59⋅5,00 + 12,42⋅2,00)/21,60 = 2,2 kN/m2
Die Iteration wird mit φ'2 = 24,6° wiederholt.
2. Iterationsschritt (mit φm,1 = 24,6°; α = β = δ = 0):
ϵ1 = ϵ2 = 0,00°
ϑ1 = 45° − 24,6°/2 − 0 = 32,7°
ϑ2 = ϑ3 = 45° + 24,6°/2 − 0 = 57,3°
υ = 180° − 0° − 0° − 32,7° − 57,3° = 90°
r2 = 4,00 m/(2⋅cos(57,3°)) = 3,70 m
r1 = 3,70 m⋅e(0,5π⋅tan(24,6°)) = 7,60 m
ls = |7,60 − 3,70| m/sin(24,6°) = 9,36 m
Σl = 3,70 + 7,60 + 9,36 = 20,66 m
l1 = l2 = 1,50/0,842 = 1,78 m
l4 = l5 = 1,50/0,540 = 2,78 m
l3 + l6 + ls = Σl − (l1 + l2 + l4 + l5) = 20,66 − 2⋅(1,78 + 2,78) = 11,54 m
Gewichtete Mittelwerte:
φ'3 = ((l1 + l4)⋅30,0° + (l2 + l5)⋅25,0° + (l3 + l6 + ls)⋅22,5°)/Σl
= ((1,78 + 2,78)⋅30,0° + (1,78 + 2,78)⋅25,0° + 11,54⋅22,5°)/20,66 = 24,71°
c'3 = ((l1 + l4)⋅5,00 + (l3 + l6 + ls)⋅2,00)/Σl
= ((1,78 + 2,78)⋅5,00 + 11,54⋅2,00)/20,66 = 2,22 kN/m2
Ergebnis: Der maßgebende Reibungswinkel ist damit praktisch konvergiert bei φm ≈ 24,7°.
Teilflächen des Gleitkörpers
Dreieck ABD
ϑ2 = ϑ3 = 45° + 24,7°/2 = 57,35°
Aa = tan(ϑ2) ⋅ (B'/2)2 = 1,56 ⋅ 4,00 m2 = 6,24 m2
Dreieck BCE
ϑ1 = 45° − 24,7°/2 = 32,65°
r2 = 4,00 m/(2⋅cos(57,35°)) = 3,71 m
r1 = 3,71 m ⋅ e(π/2 ⋅ tan(24,7°)) = 7,64 m
Ap = r12 ⋅ sin(ϑ1) ⋅ cos(ϑ1) = 26,54 m2
Teilfläche der Spirale
As = (r12 − r22)/(4⋅tan(φ')) = 24,24 m2
Summe der Flächen
ΣA = 57,02 m2
Mittleres Wichten des Gleitkörpers
Aus den Teilflächen und den jeweiligen Schichtwichten lässt sich das mittlere Wichten γ' bestimmen:
γ' = (11,0⋅22,82 + 12,0⋅17,87 + 10,0⋅16,33) ÷ 57,02 = 11,0 kN/m3.
Die mittlere Wichte des Bodens neben und oberhalb des Fundaments:
γ = (0,50 m⋅18,0 kN/m3 + 1,50 m⋅18,5 kN/m3) ÷ 2,00 m = 18,375 kN/m3
Berechnung des Grundbruchwiderstands
Nun können die Tragfähigkeitsbeiwerte bestimmt werden.
- Nq,0 = e(π⋅tan(24,7°)) ⋅ tan²(45° + 24,7°/2) = 10,33 [−]
- Nγ,0 = (10,33 − 1) ⋅ tan(24,7°) = 4,29 [−]
- Nc,0 = (10,33 − 1) ⋅ tan(24,7°) = 20,28 [−]
Um den Einfluss der Fundamentgeometrie zu berücksichtigen, werden zusätzlich Formbeiwerte benötigt:
- νq = 1 + 4,00 m/5,00 m ⋅ sin(24,7°) = 1,334 [−]
- νγ = 1 − 0,3 ⋅ 4,00 m/5,00 m = 0,760 [−]
- νc = (1,334 ⋅ 10,33 − 1)/(10,33 − 1) = 1,370 [−]
Mit diesen Faktoren ergeben sich die korrigierten Tragfähigkeitsbeiwerte:
- Nq = Nq,0 ⋅ νq = 10,33 ⋅ 1,334 = 13,78
- Nγ = Nγ,0 ⋅ νγ = 4,29 ⋅ 0,760 = 3,26
- Nc = Nc,0 ⋅ νc = 20,28 ⋅ 1,370 = 27,78
\[
\text{R}_n
= 5{,}00\,\text{m}\cdot 4{,}00\,\text{m}\cdot
\left(
\underbrace{11{,}0\,\text{kN/m}^3\cdot 4{,}00\,\text{m}\cdot 3{,}26}_{\gamma' \cdot B' \cdot N_\gamma}
+\underbrace{18{,}375\,\text{kN/m}^3\cdot 2\,\text{m}\cdot 13{,}78}_{\gamma \cdot t \cdot N_q}
+\underbrace{2{,}2\,\text{kN/m}^2\cdot 27{,}78}_{c' \cdot N_c}
\right) = 14\,233\,\text{kN}.
\]
Berechnung in RFEM 6
In RFEM 6 werden Geometrie, Lasten und Schichtparameter analog angesetzt. Im Gegensatz zur Beiblatt-Methode wird die Gleitlinie als logarithmische Spirale über die gesamte Kurve kontinuierlich integriert (keine Linearisierung in Tangenten- und Kreisbögen). Damit fließt die vollständige wirksame Bodenfläche der Gleitfuge in die Mittelung ein und die Anteile der einzelnen Schichten werden als echte Flächenbeiträge erfasst.
Ergebnis mittlerer Reibungswinkel: φm,RFEM = 25,03°
Grundbruchwiderstand: Rk,RFEM = A ⋅ σR,k = 5,00 m ⋅ 4,00 m ⋅ 741,53 kN/m² = 14.830,64 kN
Warum ergibt RFEM 25,03°, während die Handrechnung ca. 24,7° liefert – und was bedeutet das für Rk?
In der Handrechnung (Beiblatt) wird die Gleitfläche diskretisiert, also in Tangenten- und Kreisbogenabschnitte zerlegt. Daraus entsteht ein längengewichteter Mittelwinkel; das Verfahren ist näherungsweise und wird iterativ verfeinert (1. Iteration ≈ 24,6°, 2. Iteration ≈ 24,71°).
RFEM 6 dagegen integriert die lokalen Richtungen entlang der Kurve kontinuierlich. Dadurch werden die Flächenanteile der Schichten an der Gleitfuge vollständig erfasst (statt nur über Abschnittslängen), die Referenzrichtung eindeutig behandelt und die Krümmung der Spirale ohne Linearisierung berücksichtigt.
Der Effekt in diesem Beispiel: Der Anteil der „stärkeren“ Schicht (mit φ′ = 30°) an der wirksamen Gleitfugenfläche fällt etwas größer aus als in der diskreten Näherung. Das verschiebt die gewichtete Mittelung geringfügig nach oben und führt zu φm,RFEM = 25,03° (Differenz ~0,27° zur Handrechnung).
Auswirkung auf den Widerstand Rk
Ein wenig größerer φ skaliert die Tragfähigkeitsbeiwerte nichtlinear und erhöht damit den Widerstand.
Handrechnung (Beiblatt):
Charakteristische Widerstandsspannung σR,k = 710,97 kN/m²
Gesamtwiderstand Rk = 14.233 kN
RFEM 6:
Charakteristische Widerstandsspannung σR,k = 741,53 kN/m²
Gesamtwiderstand Rk = 14.830,64 kN
Die Differenz in Rn beträgt ≈ 4,2 % (bezogen auf die Handrechnung). Das ist fachlich stimmig und ergibt sich direkt aus der Methodik: diskrete Längengewichtung vs. kontinuierliche Flächengewichtung entlang der real gekrümmten Gleitlinie.
Ergebnisvergleich
| Verfahren | Reibungswinkel φ [°] | Grundbruchwiderstand Rn [kN] |
| Handrechnung (DIN 4017) | 24,7° | 14.233 kN |
| RFEM 6 | 25,03° | 14.830,64 kN |
Fazit
Die Berechnung nach DIN 4017 und die Ergebnisse in RFEM 6 stimmen sehr gut überein. Die kleine Abweichung erklärt sich durch die Methodik (diskrete Näherung vs. kontinuierliche Integration). Für die Praxis bedeutet das: RFEM 6 bildet die Handrechnung zuverlässig ab, reduziert manuellen Iterationsaufwand und liefert eine mathematisch strengere Behandlung der Gleitlinie – bei transparenter Ergebnisdarstellung.