Sie ist eines der bekanntesten Wahrzeichen in New York City. Die Brooklyn Bridge, geschaffen vom "Herr der Drahtseile" – John Augustus Roebling. Die Schrägseilbrücke sollte mächtiger und eindrucksvoller werden als alle Brücken, die jemals gebaut wurden. Monumental, etwas, worauf jeder Ingenieur und Architekt stolz sein kann. Ein Lebenswerk. Und dennoch steckt hinter ihr eine tragische Geschichte, die das Leben ihres Schöpfers John Augustus Roebling beendete, bevor es mit dem Bau erst richtig losgehen konnte.
Gemeinsam sehen wir uns in diesem Beitrag an, wie ein deutscher Baumeister den amerikanischen Traum lebte. Kurz davor war, das Bauwerk seines Lebens zu erschaffen, dessen Fertigstellung er nie miterleben würde. Taucht mit uns ein in den Werdegang von John Augustus Roebling, sein Leben in den USA und den Bau einer der berühmtesten Brücken der Welt.
John Augustus Roebling: Vom Auswanderer zum Brückenpionier
Johann Augustus Roebling wurde 1806 im thüringischen Mühlhausen geboren. Nach seinem Schulabschluss studierte er an der Bauakademie Berlin Architektur, Tief- und Brückenbau, Deichbau, Hydraulik und Maschinenbau. Noch dazu besuchte er Philosophie-Vorlesungen, u.a. bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Hinweise darauf, dass Roebling jemals die Prüfung zum Baumeister und Ingenieur ablegte, gibt es allerdings nicht.
Während seines Studiums erfuhr Johann Augustus Roebling von den ersten Hängebrücken im heutigen Deutschland. Er reiste nach Bayern, in die Pfalz und nach Westfalen, um sie sich selbst anzusehen. Nach seinem Abgang von der Universität arbeitete er zunächst als Baukondukteur. Was das genau ist? In etwa ein niederer Baubeamter, der die Aufsicht über kleinere staatliche Bauprojekte hatte.
Doch sein Weg führte ihn weg von all dem: sehr weit weg. Er gab die Möglichkeit, Karriere im preußischen Staatsdienst zu machen, auf und wanderte 1831 gemeinsam mit einem seiner Brüder und weiteren Bewohnern der Stadt in die USA aus. Direkt vor Augen den amerikanischen Traum von Freiheit und besseren Chancen.
John Augustus Roebling: Traum von den USA
Gemeinsam mit dem größten Teil der Auswanderer-Gruppe gründete Roebling auf ca. 6,5 ha Land die Siedlung Germania, später Saxonburg. Dort arbeitete er nicht etwa als Ingenieur oder Architekt – sondern widmete sich der Landwirtschaft. Im Jahr 1837 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger und nannte sich fortan John Augustus Roebling: einige Buchstaben weniger für einen Neuanfang.
Erst als sein Bruder starb, kehrte er zu seinen Wurzeln zurück. Er arbeitete als Ingenieur am Bau von Kanälen und Wasserwegen. Anschließend verbrachte er drei Jahre damit, Eisenbahntrassen zu vermessen, die künftig über die Appalachen führen sollten.
Nicht wirklich das, was er sich vorgestellt hatte, aber er hielt an seinen Träumen fest. So entwickelte er im Jahr 1841 in seiner Werkstatt in Saxonburg das Drahtseil weiter. Und das sollte die Basis für seinen späteren Erfolg legen.
John A. Roebling und sein erfolgreicher Drahtseilakt
Wir haben es gerade schon angeschnitten: Roeblings wohl größte technische Leistung war, dass er Drahtseile nicht nur weiterentwickelte, sondern geradezu perfektionierte. Bevor John Augustus Roebling sich ausgiebig mit dem Schwingungsverhalten von Hängebrücken beschäftigte, waren solche Bauwerke sehr anfällig für Schwingungen jeglicher Art.
Genauer beleuchtet haben wir das ganze Thema bereits im Zusammenhang mit der Millennium Bridge in London sowie weiteren teils tragischen Brückenkatastrophen. In diesem Beitrag könnt ihr mehr dazu lesen, wenn es euch interessiert: Millennium Bridge: Warum Brücken schwanken .
Was machte Roebling bei seinen Brücken anders? Er entwickelte zunächst eine stabile Basis in Form von extrem belastbaren Drahtseilen. Doch ein gutes Seil allein macht noch keine tragfähige Brücke. John Augustus Roebling setzte sich ebenso für die Verbesserung der Spinntechnik vor Ort ein.
Nicht nur Brücken wurden dank seiner Technik sicherer. In seiner eigenen Firma, John A. Roebling's Sons Company, fertigte er Drahtseile für Hängebrücken, Aufzüge und sogar frühe Seilbahnen. Damit wurde er erst richtig erfolgreich. Ohne seine Arbeit wären viele Hochhäuser und große Brücken gar nicht möglich gewesen.
Seine Hängebrücken kombinierten Steifigkeit mit Flexibilität und hielten dank zusätzlichen Aussteifungssystemen selbst hohen Belastungen stand. Sie galten schnell als deutlich robuster und langlebiger als andere Brücken dieser Zeit. Kein Wunder also, dass man ihn bald damit beauftragte, eine der wohl bedeutendsten Brücken der Welt zu planen.
John A. Roebling: Bau der Brooklyn Bridge
Eine gewaltige Brücke sollte in New York gebaut werden. Die Stadtteile Brooklyn und Manhattan über den East River verbinden. Da John A. Roebling als unantastbarer Meister im Bau von Schrägseil- und Hängebrücken galt, fiel die Wahl hierfür schnell auf ihn. Es sollte die damals größte Hängebrücke der Welt werden. Ganz schön ambitioniert.
Im Jahr 1865 begann Roebling mit den Planungen. Doch es verlief ganz anders als geplant. Als er am 6. Juli 1869 auf der Baustelle vorbeischaute, um einen Brückenpfeiler zu vermessen, hatte er einen Unfall. Sein Fuß wurde von einer Fähre gequetscht. Tragisch, aber sicher nicht tödlich. Wenn man so eine Verletzung gut behandeln lässt.
John A. Roebling war allerdings Anhänger der Homöopathie, und das mit Leib und Seele. Er reinigte die Wunde lediglich mit Wasser. Es kam, wie es kommen musste: Sechzehn Tage später starb er an einer Tetanusinfektion. Am 25. Juli wurde er beigesetzt. Aber was geschah jetzt mit der Brücke? Der Bau hatte schließlich noch nicht einmal richtig angefangen.
Kampf um die Brooklyn Bridge: Roeblings Vermächtnis
Das war allerdings noch nicht das Ende der Geschichte. Denn den weiteren Bau übernahm sein Sohn, Washington Augustus Roebling. Er setzte die Arbeit seines fort, erkrankte aber drei Jahre später. Hintergrund dessen war die innovative Technik, mit der Roebling und sein Team für das Setzen der Pfeiler arbeiteten.
Um die massiven Fundamente für die Brückenpfeiler ins Flussufer einzulassen, wurde ein Druckluftverfahren verwendet: pneumatische Senkkästen (Caissons). Diese riesigen Kästen aus Holz waren unten offen und wurden auf den Flussboden abgesenkt. Um dafür zu sorgen, dass in diesen Arbeitsraum kein Wasser oder Schlamm gelangen konnte, wurde kontinuierlich Druckluft hineingepumpt.
Klingt nach einer guten Methode, nicht wahr? Wie es mit innovativen Arbeitsweisen oft so ist: Sie hatte eine gewaltige Schattenseite, von der man damals noch nicht viel wusste. Die Arbeiter, oft auch Sandhogs genannt, arbeiteten innerhalb dieser Kästen, die unter hohem Druck standen. Und wo hoher Druck ist, herrschen hohe Temperaturen und wenig Sauerstoff. Ein bisschen so, als würde man sehr, sehr tief tauchen.
Da die Arbeitenden immer wieder zwischen der Holzkammer und der Oberfläche wechselten, war der Druckunterschied sehr groß. Wie wir von der Taucherkrankheit wissen: Zu schnelles Aufsteigen führt dazu, dass sich Stickstoffbläschen im Blut bilden. Und das ist nicht nur äußerst schmerzhaft, sondern auch unglaublich gefährlich.
Die Konsequenzen: neben Schmerzen vor allem Lähmungen und oft sogar der Tod. Washington Augustus Roebling traf diese Krankheit mit ganzer Kraft und er wurde teilweise gelähmt. Und jetzt? Die Brooklyn Bridge hatte schon zwei Chefingenieuren aus der Familie Roebling erheblich zugesetzt. Doch es musste weitergehen. Schließlich war die Brücke das Vermächtnis von John A. Roebling.
Nun geschah etwas wohl einmaliges in der Ingenieurwelt der damaligen Zeit: Eine Frau übernahm das Ruder. Nicht irgendeine, es war Washingtons Frau Emily Warren Roebling. Nanu, war sie etwa auch Ingenieurin? Nein, ganz im Gegenteil. Sie war nicht einmal vom Fach.
Emily Warren Roebling eignete sich alles Wissen, das sie brauchen würde, selbst an. Sie lernte die Grundlagen von Statik sowie Materialkunde und wurde mit diesem Know-How zur inoffiziellen Bauleiterin. In dieser Funktion, einer Schnittstelle zwischen ihrem Mann und der Baustelle, koordinierte sie die verschiedenen Gewerke.
Durch ihren Einsatz wurde die Brooklyn Bridge letztendlich fertiggestellt. Das Vermächtnis ihres Schwiegervaters John A. Roebling. Viele sehen Emily bis heute als eigentliche Vollenderin der Brücke. In jedem Fall hat sie eine tragende Rolle gespielt. Da ist es absolut passend, dass sie am 24. Mai 1883 als erster Mensch die Brücke überquerte.
Fazit: John Augustus Roebling und die Brooklyn Bridge
Es ist faszinierend und tragisch zugleich: Der eigentliche Kopf hinter der Planung einer der wohl bekanntesten Brücken der Welt erlebte nicht einmal, wie sie fertig wurde. John Augustus Roebling starb, bevor er sein Meisterwerk nur ansatzweise vollenden konnte. Die Fertigstellung haben wir am Ende dem großartigen Einsatz seiner Familie zu verdanken: seinem Sohn und dessen Frau.
Dennoch bleibt uns weit mehr von John Augustus Roebling als nur seine Brooklyn Bridge. Seine Techniken, gerade was die Drahtseile angeht, legten Grundsteine für ganz neue Methoden, Brücken sicherer zu bauen. Nicht nur Brücken: Aufzüge, die ersten Seilbahnen.
Roebling hat der Welt der Baubranche einen riesigen Fundus an Potenzial hinterlassen, der modernes, sicheres Bauen erst möglich machte. Und das alles – nicht allein ein einziges Bauwerk – ist sein wahres Vermächtnis.