Am 5. Dezember 2025 ging eine weitere der großen Architektur-Legenden von uns. Frank Gehry starb mit 96 Jahren. Er hinterließ der Welt einige der spannendsten und wohl auch skurrilsten Gebäude überhaupt. Der Mut zu Formen, radikale Abkehr von bisherigen Schemata und absolut ikonische Gebäude: All das vereint Frank Gehry in seinem Lebenswerk.
Seinen Tod möchten wir zum Anlass nehmen, uns seine Werke und seinen Werdegang etwas genauer anzusehen. Seine Entwürfe und Bauten waren so heiß diskutiert, dass ihm die Handlung einer ganzen Folge von The Simpsons gewidmet wurde. Der “Bilbao”-Effekt ist bis heute ein fester Begriff in der Architektur. Schon gespannt? Dann bleibt dran und erfahrt mehr über Frank Gehry!
Frank Gehrys: Kindheit und Studium
Frank Gehry wurde in Toronto geboren und interessierte sich schon früh für Kunst und Design. So baute er als Kind im Laden seiner Großmutter erste kleine Gebäude und Mini-Städte – aus Holzresten aus dem Baumarkt seines Großvaters. Schon damals liebte er die gewellten Formen der Holzspäne. Auch die Form von schwimmenden Karpfen in der Badewanne, vor allem vor dem Festessen an Weihnachten, inspirierte seine späteren Werke sehr.
Im Jahr 1947 zog seine Familie nach Los Angeles, wo er sein Architekturstudium am City College begann. Abgeschlossen hat er es 1954 an der School of Architecture der University of Southern California.
Für kurze Zeit studierte er für ein Aufbaustudium im Bereich der Stadtplanung sogar an Harvard, brach dieses allerdings ab. Zu konservativ, zu steif, zu langweilig für ihn. Frank Gehry wollte mehr. Mehr Aufregung, mehr Leben in Gebäuden.
Erste Ideen und kuriose Schaffensprozesse
Unter Branchenkollegen fanden seine radikalen Sichtweisen und Entwurfsprozesse oft wenig Anklang. Die Architekturwelt Mitte des 20. Jahrhunderts wog sich ganz im Takt von Symmetrie, Rastern und festen Mustern.
Etwas, das Frank Gehry als starre Fesseln sah. Fesseln, die Architektur in ihren Fängen hielten und verhinderten, dass sich kreative Köpfe, wie er selbst, entfalten konnten. Bauwerke mussten Formen zeigen dürfen, einen eigenen Charakter haben. Lebendig sein.
Die Ersten, die seine Sichtweisen verstanden und ihn unterstützten, waren Künstler. Seine Weggefährten waren beispielsweise Claes Oldenburg und Cooseje van Bruggen. Vermutlich hat er sich von ihnen hin und wieder etwas Inspiration für seine ausgefallenen Entwürfe geholt.
Frank Gehry: Aufstieg zum Stararchitekten
Im Jahr 1962, nach seinem Abbruch in Harvard, kehrte er nach Los Angeles zurück. Hier gründete Frank Gehry sein erstes eigenes Architekturbüro. Von da an experimentierte er mit völlig neuen Formen und ungewöhnlichen Materialien.
Wie der Architekt Frank Gehry den Hausbau neu erfand
Beispielsweise begann Gehry 1977 damit, sein neu erworbenes Wohnhaus in Santa Monica umzubauen. Man nehme einen schlichten Bungalow, etwas Sperrholz, Maschendraht und Wellblech: So entstand eine gezackte, scheinbar improvisierte Hülle. Dieses erste große Projekt war das Ergebnis von Gehrys Suche nach einer Antwort auf den späten Modernismus.
Viele zeitgenössische Architekten setzten auf postmoderne Zitate. Der Historismus lag allgemein im Trend. Auch dazu haben wir schon einen Blogbeitrag für euch verfasst. Schaut da gerne noch einmal vorbei! Und Gehry? Er ging buchstäblich in den Baumarkt, nahm mit, was interessant aussah, und erfand sein Haus neu. Heute nennt man diese Vorgehensweise Dekonstruktivismus. Ebenfalls ein Thema, mit dem wir uns hier bereits auseinandergesetzt haben. Lest hier gerne nach: Dekonstruktivismus: Architektur ist Kunst!
Weitere Beispiele für Gehrys Vorgehen sind die Spiller Residence in Venice (1978/79), das California Aerospace Museum in Los Angeles (1982–84) oder das Winton Guest House in Minnesota (1982–87). Besonders bekannt sind sie heute nicht, aber sie zeigen sehr schön, wie Gehry es verstand, Gebäude in unterschiedliche Formen zu zerlegen, um sie neu anzuordnen.
Architektur wurde in seinen Händen fast schon skulptural: eine Kunstform, die man entweder mag oder verabscheut. Bauwerke aus der Feder von Frank Gehry polarisierten. Sie blieben im Gespräch – und das wurde letztendlich honoriert.
Im Jahr 1989 wurde er für sein neues Verständnis von Architektur mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Falls es jemand von euch nicht schon weiß: Das ist so ziemlich die höchste Auszeichnung, die ein Architekt bekommen kann.
Mit seiner Verbindung von organischen Formen wie den fließenden Bewegungen von Fischen und expressiven Bauten, die tiefe Kluften zu zeitgenössischen Bauwerken schufen, setzte er neue Maßstäbe. Die Welt wurde auf ihn aufmerksam.
Architekturstil von Frank Gehry
Seinen Werdegang haben wir uns also angesehen. Aber was macht die Gebäude von Frank Gehry aus? Kann man sie überhaupt mit wenigen Merkmalen gänzlich beschreiben? Tatsächlich: jein. Viele Bauwerke weisen ähnliche Elemente auf, aber keines gleicht dem anderen.
Sie wirken alle, als wären es Testobjekte in einem ingeneiurstechnischen Versuchslabor. Und als wären sie von dort ausgebrochen, um sich der Welt zu zeigen. Trotzdem versuchen wir, für euch die prägnantesten Erkennungsmerkmale von Gehrys Architekturstil zusammenzustellen.
Architektonische Merkmale
Wenn man vor einem Gehry-Bauwerk steht, ist das erste, das einem auffällt, der ungewöhnliche Aufbau. Gehrys Werke brechen mit klassischer Geometrie und Symmetrie sucht man oftmals vergebens.
Kurvige, dynamische Formen verleihen dem Äußeren ein geradezu skulpturales Aussehen. Dadurch wurde Architektur zu Kunst. Eine weitere berühmte Architektin, die einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgte, war übrigens Zaha Hadid. Wenn ihr mehr über eine der wenigen Frauen erfahren wollt, die in hohen Architekturkreisen Rang und Namen hatte, lest gerne rein: Blogbeitrag über Zaha Hadid .
Materialien und Methoden
So ungewöhnlich wie Formen und der Aufbau von Gehrys Gebäuden sind auch seine Materialien und Methoden, die zum Einsatz kamen. So experimentierte er beispielsweise mit Wellblech, Draht, Titan und Edelstahl.
Um seine teils hochkomplexen Geometrien überhaupt umsetzen zu können, brauchte Gehry mehr als nur Taschenrechner, Stift und Papier. Technik musste her. So nutzte er als einer der Ersten fortschrittliche Software (CATIA), um detaillierte 3D-Modelle zu erstellen.
Außerdem setzte er sich sehr für eine Zusammenarbeit zwischen Architektur und Ingenieurwesen ein. Jemand, der Architektur und Ingenieursein ebenfalls eng miteinander verflechtet, ist der oftmals umstrittene Stararchitekt Santiago Calatrava. Auch ihn haben wir uns schon einmal genauer angesehen: Zwischen Eleganz und Eskapade: Santiago Calatrava .
Philosophie hinter Frank Gehrys Architektur
Ihr kennt das sicher: Architektur, gerade wenn sie sehr speziell ist, will und soll interpretiert werden. Was wollte uns der Architekt damit sagen? Bei Gehry ist das einfach: Seine Architektur soll Emotionen wecken. Zu Diskussionen anregen. Menschen dazu bringen, sich mit seinen Gebäuden zu beschäftigen.
Trotz der Formsprache blieb Gehry allerdings immer auf Funktion bedacht. Nicht wie Architekten anderer berühmter Bauwerke, bei denen aufgrund der ungewöhnlichen Formen ganze Bereiche nicht nutzbar waren.
Frank Gehry arbeitete nach dem strikten Prinzip, am Ende schlicht und einfach Gebäude zu bauen, keine Skulpturen. Auch wenn die imposanten Bauwerke auf den ersten Blick nicht so wirken. Dieser Idee blieb er treu.
Gehrys ikonische Werke und ihre Bedeutung
In diesem Abschnitt sehen wir uns die vielleicht ikonischsten Bauwerke aus Gehrys Skizzenbuch genauer an. Gleichzeitig ordnen wir sie ein: Was machte sie damals so besonders? Welche Bedeutung haben sie aus Ingenieurssicht heute? Seid gespannt!
Guggenheim Museum Bilbao (1997)
Den Anfang macht natürlich das wohl bekannteste Gebäude Gehrys. Ein Bauwerk, das so berühmt ist, dass es einen ganzen Begriff in der Bauwirtschaft geprägt hat. Schon mal vom „Bilbao-Effekt“ gehört? Wir erklären euch das Ganze kurz.
Beim Bilbao-Effekt geht es um ein Phänomen, bei dem ein einzelnes, ikonisches Bauwerk in einer Stadt für eine umfassende Erneuerung sorgt. Die Hauptaspekte sind hierbei wirtschaftliche, kulturelle und städtebauliche Neuausrichtung.
Das Guggenheim Museum Bilbao von Frank Gehry sorgte dafür, dass die ehemalige Industriestadt Bilbao international sichtbar wurde. Das ungewöhnliche Gebäude mit seiner organischen Form und den massiven Titanplatten wurde zum Tourismusmagneten. Und heute? Heute gilt der Begriff eher als ambivalent. Schließlich lässt sich der Erfolg nicht ohne Weiteres auf andere Städte übertragen.
Zurück zum imposanten Museumsbau: Tatsächlich stellte der Bau des Guggenheim Museums in Bilbao die beteiligten Ingenieure vor enorme Herausforderungen. Ganz nach Gehry-Manier war kaum eine Wand oder überhaupt eine Fläche rechtwinklig. Berechnung mit Stift, Taschenrechner und Papier? Fast unmöglich!
Um die komplexen Formen umsetzen zu können, nutzte Gehrys Team CATIA. Damals war die Software eigentlich für den Flugzeugbau vorgesehen. Durch sie ließ sich der komplexe Bau des Museums realisieren. Es war das erste Mal, dass diese Software in so einem großen Maßstab für ein Gebäude Verwendung fand.
Das Interessanteste und wohl Eindrucksvollste ist nach wie vor die Fassade. Sie besteht aus rund 33.000 hauchdünnen Titanplatten. Titan war damals im Konstruktionsbau ein experimentelles Material: leicht, korrosionsbeständig und optimal an das feuchte Klima Bilbaos geeignet.
Um die ikonische Form zu erreichen, wurden die meisten Details als Einzelanfertigungen geplant. Das Guggenheim Museum Bilbao war damit ein riesiger Meilenstein in Sachen digital gestützter Konstruktion von Gebäuden. Noch heute finden dort regelmäßig gut besuchte Ausstellungen statt.
Übrigens: Ihr kennt sicher die große Spinne vor dem Museum. Ihr Name ist „Maman“ und stammt nicht von Frank Gehry selbst. Entworfen wurde sie von der französisch-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois im Jahr 1999. Das Werk wurde vom Guggenheim Museum erworben und ist heute neben dem Gebäude selbst wohl das größte und eindrucksvollste Wahrzeichen der Stadt.
Walt Disney Concert Hall, Los Angeles (2003)
Wenn wir von einmaligen Gebäuden sprechen, die neue Maßstäbe setzten, gehört die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles ganz klar dazu. Das 2003 eröffnete Bauwerk ist mittlerweile absolut ikonisch. Allein schon die schwungvolle Fassade ist ein echter Hingucker.
Gebogene Paneele aus Edelstahl ziehen sich dynamisch über den Stahlrahmen. Durch weite Auskragungen wirkt das Ganze fast schon lebendig. Trotz der komplexen Geometrie, die ebenfalls mit der 3D-Planungssoftware CATIA umgesetzt wurde, hält das Gebäude Erdbeben bis Magnitude 7.0 oder höher problemlos stand.
Der Konzertsaal im Inneren ist von äußeren Schwingungen entkoppelt, damit die nahegelegene U-Bahn oder der Straßenverkehr Vorführungen nicht stören. Beim Bau der Walt Disney Concert Hall verzahnte Gehry geschickt die expressive Architektur mit hochentwickelter Tragwerksplanung. Hier arbeiteten Architekt und modernes Ingenieurwesen Hand in Hand. Und das Ergebnis kann sich noch heute sehen lassen.
Neuer Zollhof, Düsseldorf (1998)
Ein weiteres Bauwerk aus Gehrys Hand ist der Neue Zollhof in Düsseldorf. Hierbei handelt es sich genau genommen gleich um drei Gebäude. Das Besondere: Die drei verschiedenen Fassaden reihen sich trotz ihrer dynamischen Bewegungen hervorragend ins Stadtbild des Düsseldorfer Medienhafens ein, ohne störend zu wirken.
Hier schuf Gehry nicht einfach nur Gehry-typische Gebäude, sondern traf genau den Charakter ihrer Umgebung. Sie verkörpern den Wandel des einstigen Zollhafens hin zum modernen Medienstandort. Ein Vorgehen, das sich vielleicht auch die Elbphilharmonie in Hamburg später abgeschaut hat. Zu ihr haben wir ebenfalls schon einen Beitrag verfasst: Elbphilharmonie in Hamburg .
Die drei skulpturalen Bürogebäude des Neuen Zollhofs wurden zwischen 1996 und 1998 entworfen, 1999 dann offiziell eröffnet. Gehry verzichtete ganz bewusst auf klassische Gesimse oder Sockel. Stattdessen punkten die Fassaden mit geschwungenen Formen, als würden sie sich zur Seite lehnen.
Jedes der drei Gebäude hat eine andere Fassade: eines aus Edelstahl, das zweite aus weißem Putz und das dritte traditionell aus rotem Klinker. Je nach Sonneneinstrahlung entstehen dadurch interessante Lichtreflektionen.
Auch hier halfen CATIA und CNC-gestützte Schalungsprozesse dabei, die freien Formen technisch umsetzbar zu machen. Die Fassadenteile mussten millimetergenau miteinander verbunden werden. Eine echte Meisterleistung auf allen Seiten!
Was ihr über Gehry noch nicht wusstet
Gehrys Gebäude sind absolut einzigartig und stechen noch heute aus der Masse hervor. Aber was ist eigentlich mit Frank Gehry selbst? Auch er ist ein absolut interessanter Charakter gewesen. Wir haben für euch ein paar spannende Fakten zusammengetragen, die ihr vielleicht noch gar nicht kanntet.
Sein Geburtsname war Frank Owen Goldberg — später hat er das geändert. Seine Frau fürchtete, der deutsch klingende Name würde ihm in seiner Karriere Probleme bereiten. Wusstet ihr, dass er damit nicht allein war? Auch der Schöpfer des Eiffelturms ließ seinen Namen ändern. In einem weiteren Beitrag erfahrt ihr mehr über die Ingenieur-Legende Gustave Eiffel .
Frank Gehry war nicht nur Architekt für Gebäude. Er war durch und durch Künstler. So entwarf er beispielsweise Möbel aus Wellpappe („Easy Edges“). Außerdem war ihm der Begriff „Stararchitekt“ zutiefst zuwider. Er selbst bezeichnete sich nie so.
Seine Architektur kam übrigens nicht überall gut an. Sogar sein eigenes Haus sorgte für Nachbarschaftskonflikte. Es sei zu laut, zu auffällig, einfach „zu Gehry“. Und hiermit sind wir auch schon beim nächsten Teil unseres Beitrags zu Frank Gehry.
Kritik an Frank Gehry
Schon früh wurde Kritik zu Gehrys Entwürfen laut. Und die kritischen Stimmen brachen Zeit seines Lebens nicht ab. Man warf ihm vor, seine Gebäude wären zu ikonisch, zu teuer, zu sehr darauf bedacht, aufzufallen – zulasten der Menschen, die sie später benutzen würden.
Die komplexen Fassaden ließen sich oft schwer warten. Reparaturen und Reinigungen waren aufwändig. Außerdem gab es bei manchen von ihnen, wie der Disney Concert Hall, Probleme mit großer Hitzeentwicklung durch die Metallfassade. Allen Kontroversen zum Trotz: Gehry hat Diskussionen über die Rolle von Architektur im Stadtbild angestoßen wie kaum ein anderer Architekt.
Was bleibt: Fazit zu Frank Gehry
Frank Gehry hatte großen Einfluss auf eine ganze Generation von Architekten. Er stand wie kein anderer für den Mut zu kreativer Freiheit, ohne die technische Präzision zu vernachlässigen. Mit seinen Bauwerken zeigte er der ganzen Branche: Architektur darf Emotion, Chaos, Bewegung und Kunst sein – und trotzdem meisterhaft konstruiert.
Bewusst ging er einen anderen Weg als seine Zeitgenossen und hatte damit Erfolg. Er hinterlässt uns ein ganz wichtiges Credo: Architektonische Kreativität und moderne Ingenieurskunst schließen sich nicht gegenseitig aus. Sie profitieren voneinander. Und die Ergebnisse bleiben uns hoffentlich noch sehr lange erhalten.