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12. August 2026

Von der analytischen Kriechkurve, über das rheologische Modell zum zeitabhängigen Dehnungszustand

In diesem Artikel soll anschaulich an einem vereinfachten Beispiel auf die theoretischen Hintergründe und die Umsetzung der zeitabhängigen Analyse des Kriechens in RFEM 6 eingegangen werden.

Einleitung

Wird ein Bauteil dauerhaft mit einer konstanten Last (Spannung \(\sigma = \text{konstant}\)) belastet, kommt es neben der sofortigen elastischen Verformung zu einer zeitabhängigen, zusätzlichen Kriechdehnung \(\varepsilon(t)\). Dies ist vor allem für Bauteile aus Beton und Holz relevant. Die Berücksichtigung dieses Effektes kann vereinfacht über eine Verringerung des Elastizitätsmoduls erfolgen. Für eine sehr viel genauere Betrachtung sollte jedoch eine zeitinkrementelle Berechnung über den Einsatz eines rheologischen Modells, in diesem Fall des Kelvin-Ketten-Modells, erfolgen. Hierdurch können Umlagerungseffekte im statischen System und materielle Nichtlinearitäten berücksichtigt werden. Durch die Neuberechnung der Steifigkeit in jedem Zeitinkrement ist somit ein realistischeres Tragverhalten und beispielsweise die Abbildung von Bauzuständen und die gegenseitige Beeinflussung analysierbar. Weitere Informationen können den nachfolgenden Links entnommen werden:

Modellbeschreibung und Kriechzahlermittlung nach Eurocode 2

Zum Vergleich und der Darstellung der Analysemöglichkeiten in RFEM 6 wurde ein Trivialmodell angelegt. Dieses besteht aus einer 1 m langen eingespannten Stütze mit einem Rechteckquerschnitt und einer Kantenlänge von 100 mm. Als Material wurde ein C25/30 gewählt. Die Belastung erfolgt durch eine Druckraft von 100 kN am Stützenkopf. Das Modell ist im nachfolgenden Bild gezeigt und kann über den hinterlegten Link heruntergeladen werden.

Die analytische Kriechkurve wird der EN 1992-1-1 Anhang B entnommen und kann nach der nachfolgenden Formel berechnet werden. Und gibt das Verhältnis der Kriechdehnung zur elastischen Dehnung an.


Die Gesamtdehnung zu einem beliebigen Zeitpunkt kann nach der nachfolgenden Formel berechnet werden.

In RFEM 6 kann im Dialog "Material bearbeiten" im Reiter "Zeitabhängige Kennwerte" die Berechnung mit Zwischenwerten nachvollzogen und für den gewählten Querschnitt oder die Dicke an logarithmisch verteilten Kontrollpunkten geprüft werden. Eine weitere Beeinflussung und Visualisierung ist über die Option "Erweiterte zeitabhängige Kennwerte des Betons" in den "Dialogen Querschnitt bearbeiten" und "Dicke bearbeiten" verfügbar. Der nachfolgenden Link zum Handbuch geht hierauf genauer ein und im darauf folgenden Bild sind die Werte des hier verwendeten Querschnitts gezeigt.

Rheologisches Modell

Das Kelvin-Ketten-Modell

Für die zeitabhängige Berechnung des Kriechverhaltens ist in RFEM 6 das Kelvin-Ketten-Modell als rheologisches Modell implementiert. Bei dieser Kelvin-Kette werden Kelvin-Voigt-Elemente mit einer freien Feder E0 und einem optionalen freien Dämpfer η in Reihe geschalten. Die freie Feder ist verantwortlich für die Sofortdehnung, welche dem Ergebnis einer normalen statischen Analyse entspricht. Auf den freien Dämpfer, der zu einem im Unendlichen weiter zunehmenden Dehnungsanteil führen würde, wird auf Grund der Relevanz für das im Bauwesen typischen Materialien verzichtet. Ein Kelvin-Voigt-Element besteht hierbei aus einem Feder- und einem Dämpfer-Element, welche parallel geschalten sind. Gezeigt ist dies schematisch im nachfolgenden Bild:


Die Gesamtkriechfunktion der Kelvin-Kette ergibt sich aus der Summation der Anteile der in Reihe geschalteten Elemente. Sie beschreibt das Dehnungsverhalten im Bezug zur einwirkenden Spannung über die Zeit. Die Kelvin-Voigt Elemente besitzen somit zwei anpassbare Variablen: Die Steifigkeit Ek und die sogenannte Retardationszeit 𝜏k. Diese wiederum ergibt sich aus der dynamischen Viskosität, geteilt durch die Steifigkeit.

Anpassung an das analytische Kriechverhalten

Die Anpassung der Kelvin-Voigt-Elemente erfolgt mittels eines Fits über die Minimierung der quadratischen Differenz derer Kriechzahlanteile im Vergleich zur analytischen Lösung.


Um dies visuell darzustellen wurde mittels eines Skripts eine kleinste Quadrate Anpassung für unterschiedliche Anzahlen an Kelvin-Ketten-Elemente vorgenommen. Das nachfolgende Bild zeigt links den Vergleich der Kelvin-Ketten mit 1, 3, 5 und 10 Elementen mit der analytischen Kriechfunktion und den aus RFEM 6 entnommenen Kontrollpunkten. Wie hier zu sehen ist, führt eine Erhöhung der Elementzahl auch zu einer Verringerung der maximalen Abweichung. Damit geht natürlich ebenfalls ein erhöhter Rechenaufwand einher. Eine hinreichende Genauigkeit konnte bereits mit 5 Kelvin-Voigt-Elementen ohne besondere Gewichtung erreicht werden.

Die Retardationszeiten können hierbei vereinfacht als der Zeitpunkt betrachtet werden, ab welcher das zugehörige Element einen Beitrag zum Kriechverhalten leistet. Die nachfolgende Tabelle zeigt dies für die Kelvin-Kette mit 5 Elementen in Kombination mit Anteilen zur Endkriechzahl aus den Anteilen der einzelnen Elemente. Die Kriechzahl lässt sich hierbei nach der folgenden Formel abschätzen.


Retardationszeiten, Steifigkeiten und Kriechzahlanteile der Kelvin-Kette mit 5 Elementen
Nr. τk [d] Ek [MPa] φk [—] Anteil [%]
1 0,05 107 683 0,2879 8,7
2 0,77 101 086 0,3067 9,3
3 8,52 49 094 0,6314 19,1
4 86,83 24 862 1,2469 37,6
5 759,2 36 940 0,8392 25,3
Summe 3,3121 100,0

Zeitinkrementelle Berechnung des Kriechverhaltens

Die Analyse des Kriechverhaltens erfolgte im hier behandelten Beispiel mittels Teilung in 10 linear verteilte Zeitinkremente. Somit wird alle 1823,5 Tage ein Zustand berechnet. Im ersten Schritt wird die Sofortdehnung zu 0,323 bestimmt. Darauf folgt das erste Zeitinkrement von 28 Tagen (Belastungsbeginn) bis zu Tag 1851,5. Das nachfolgende Bild zeigt den Vergleich der inkrementellen Berechnung mittels RFEM und der analytischen Lösung auf der linken Seite. Im rechten Diagramm sind in Anlehnung an das vorherige Bild die Dehnungsanteile für eine Kelvin-Kette mit 5 Elementen gestapelt dargestellt.

In der nachfolgenden Tabelle sind die Ergebnisse der zeitinkrementellen Berechnung dargestellt. In Anlehnung an eine vereinfachte linearen Ansatz des Kriechverhaltens über die Reduktion des Elastizitätsmoduls, lässt sich in diesem einfachen Beispiel ebenfalls ein effektiver Elastizitätsmodul pro Zeitinkrement bestimmen. Somit ergebe sich im ersten Schritt, durch den logarithmischen Charakter der zugrundeliegenden Funktion bereits eine Reduktion um rund 76%. Die Reduktion mit der Endkriechzahl von 3,349 führt zu einer Reduktion um 77 % auf 7126 MPa.


Dehnung über die Zeit
Schritt t [d] Δt [d] ε [‰] Δε [‰] Eeff [MPa] ΔEeff [MPa]
0 28.0 0.0 0.323 0.000 30999 0
1 1851.5 1823.5 1.356 1.034 7373 -23626
2 3674.9 1823.4 1.381 0.025 7241 -132
3 5498.4 1823.5 1.391 0.010 7190 -51
4 7321.8 1823.4 1.396 0.005 7166 -24
5 9145.3 1823.5 1.398 0.002 7154 -12
6 10968.7 1823.4 1.399 0.001 7146 -8
7 12792.1 1823.4 1.400 0.001 7142 -4
8 14615.6 1823.5 1.401 0.001 7138 -4
9 16439.0 1823.4 1.402 0.001 7134 -3
10 18262.5 1823.5 1.402 0.001 7131 -3

Abschließende Bemerkungen

In diesem vereinfachten Beispiel zeigt die zeitinkrementelle Berechnung mit dem Ansatz des linearen Kriechens über die Reduktion des Elastizitätsmoduls keinen Unterschied. Dies kann jedoch nicht grundsätzlich angenommen werden. Beispielsweise können nur mit einer direkten inkrementellen Berücksichtigung mittels des Ansatzes eines rheologischen Modells nichtlineares Materialverhalten und die Bauteilinteraktion sowie veränderte Belastungszustände und Bauzustände korrekt berücksichtigt werden.


Autor

Marc ist im Product Engineering mit Schwerpunkt Geotechnik tätig und unterstützt zusätzlich im Customer Support. Seine fachliche Expertise bringt er gezielt in komplexe Fragestellungen ein.

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