Ob Medizin, Mathematik oder Gesellschaft: Für so ziemlich jede Fachrichtung gibt es den Nobelpreis. Eine Anerkennung für besondere Leistungen. Und wie ist es in der Baubranche? Tatsächlich gibt es hier ein Pendant, zumindest für Architektur: den Pritzker-Preis. Im Gegensatz zum Nobelpreis ist der Pritzker-Preis in der Öffentlichkeit weniger bekannt, verschafft dem Träger allerdings in Fachkreisen enorme Anerkennung.
Aber worum geht es beim Pritzker-Preis genau und wie ist er entstanden? Und ist er am Ende wirklich eine echte Auszeichnung oder eher ein zwielichtiges Gütesiegel? Gemeinsam schauen wir uns an, wie es dazu gekommen ist, dass Architekten mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet werden. Und werfen einen Blick darauf, was man alles tun muss, um diesen Preis auch zu erhalten. Bleibt dran!
Warum gibt es den Pritzker-Preis?
Begonnen hat das Ganze im Jahr 1979. Dort nahm der Pritzker-Preis seinen Anfang. Ins Leben gerufen wurde der Pritzker-Preis vom Ehepaar Cindy und Jay Pritzker, den Eigentümern der weltberühmten Hyatt-Hotelgruppe. Beiden war es wichtig, Architektur mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Schließlich kannte so ziemlich jeder die wichtigsten Bauten der Zeit, aber kaum die Leute dahinter.
Das Ehepaar Pritzker gründete die Hyatt Foundation, die seitdem jedes Jahr den Pritzker-Preis verleiht. Und das Ganze hat sich durchgesetzt. Mittlerweile ist der Pritzker-Preis weltweit anerkannt und sorgt regelmäßig für neue Aufträge. Seit seiner Einführung hat sich allerdings einiges geändert.
Pritzker-Preis: Ein Preis für die Stars
Zu Beginn war das Konzept recht einfach. Der Pritzker-Preis sollte einzelne Architekten besonders würdigen. Dabei kamen ausschließlich Stararchitekten zum Zug, ikonische Einzelpersonen wie James Stirling, Frank Gehry und Norman Foster. Es ging darum, einen der ohnehin berühmten Architekten in noch helleres Licht zu rücken.
Die Begründung, weshalb einer von ihnen gerade in diesem Jahr den Pritzker-Preis erhielt, bezog sich oft auf ein besonders spektakuläres Bauwerk. Dabei ging es allerdings hauptsächlich um Prestige und Design, nicht unbedingt darum, ob und wie gut sich das Gebäude nach seiner Fertigstellung auch nutzen ließ. Hier beginnt auch schon ein weiterer Teil dieses Beitrags, denn gerade über die Vergangenheit muss man beim Pritzker-Preis kritischer berichten.
Kritikpunkte am Pritzker-Preis
Da der Architekt im Mittelpunkt steht, schwebt bei jeder Preisverleihung der Mythos des Genies im Raum. Dabei ist ein Bauwerk ganz klar Teamarbeit. Ob Ingenieur, Landschaftsarchitekt, Fachplaner oder Bauunternehmen: Damit der Entwurf eines Architekten erfolgreich umgesetzt werden kann, braucht es viele kluge Köpfe. Trotzdem ging die Auszeichnung Pritzker Preis lange Zeit ausschließlich an die einzelnen Architekten.
Ein gutes Beispiel für dieses Problem ist Jørn Utzon. Er erhielt den Pritzker-Preis im Jahr 2003, ausschlaggebend dafür waren sein Entwurf und seine Arbeiten am Sydney Opera House. Zwar war seine Vision vom Design des Opernhauses absolut legendär, doch gerade das ikonische Dach wäre ohne Sir Ove Arup und sein Ingenieurteam nie umsetzbar gewesen. Nur durch intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Architekt und Ingenieuren konnte das Sydney Opera House realisiert werden. Eine Würdigung, die der des Pritzker-Preises entspricht, gab es allerdings nicht. Wenn ihr euch für das Sydney Opera House interessiert, schaut hier gerne vorbei: Sydney Opera House: Ein Meisterwerk ohne seinen Meister .
Frauen beim Pritzker-Preis
Ein weiterer großer Kritikpunkt am Pritzker-Preis: Frauen wurden lange Zeit schlichtweg übergangen. So war Zaha Hadid im Jahr 2004, 25 Jahre nach Einführung des Pritzker-Preises, die erste Frau, die den Preis allein erhielt. Dazu muss man sagen, sie erhielt ihn zumindest. Wenn ihr mehr zu Zaha Hadid erfahren wollt, schaut gerne hier vorbei: Blogbeitrag über Zaha Hadid .
Anders war das im Fall von Denise Scott Brown. Im Jahr 1991 erhielt ihr Ehemann und langjähriger Arbeitspartner Robert Venturi den Pritzker-Preis. Das Problem daran: Seine Frau arbeitete an vielen Projekten und Entwürfen gleichberechtigt mit, wurde aber trotzdem nicht ausgezeichnet. Zwar unterzeichneten 2013 Tausende Studierende und Leute aus der Architektur eine Petition, ihr rückwirkend den Pritzker-Preis anzuerkennen, aber das Vorhaben scheiterte dennoch an der Jury. Frühere Entscheidungen um den Pritzker-Preis könnten nicht abgeändert werden.
Schon damals arbeiteten Frauen häufig als Partner oder Mitgründer in Architekturbüros, ohne dieselbe öffentliche Anerkennung zu bekommen. Grundsätzlich standen Frauen in der Architektur sehr lange im Schatten der männlich dominierten Branche. Das Ganze ist also nicht allein ein Problem des Pritzker-Preises. Trotzdem sollte sich etwas ändern – und das hat es zum Glück auch. Abhilfe schaffen sollten sogenannte Gemeinschaftspreise.
Büropartner wurden in der Vergangenheit oft gemeinsam ausgezeichnet, beispielsweise Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, die im Jahr 2010 den Pritzker-Preis erhielten. Ihr Büro SANAA in Tokio ist vor allem für fließend wirkende Gebäude bekannt, die mit ihrer Umgebung verschmelzen. So ein Vorgehen ändert allerdings nichts daran, dass Frauen eher als Teil eines Duos ausgezeichnet werden, während männliche Preisträger oftmals allein auf der Bühne stehen.
Pritzker-Preis: Ein Preis der westlichen Welt?
Über lange Zeit dominierten vor allem Namen aus den Regionen Europa, Japan und Nordamerika den Pritzker-Preis. Das führte zu immer lauter werdender Kritik: Der Pritzker-Preis würdigte keine kulturelle Vielfalt. Dabei hatte diese Kritik weniger mit der Nationalität der Preisträger zu tun, sondern mit den Maßstäben, nach denen der Pritzker-Preis vergeben wurde.
Denn die berücksichtigten Faktoren, nach denen lange bewertet wurde, waren stark von westlichen Architektur-Idealen geprägt: ikonische Fassaden und spektakuläre Prestigebauten. Dabei war eine architektonische Meisterleistung weit mehr als nur besonders hohe oder prachtvolle Gebäude zu bauen. Und damit änderte sich der Pritzker-Preis allmählich.
Pritzker-Preis: Wandel im neuen Jahrtausend
Nach und nach änderten sich die Maßstäbe, mit denen die Jury ihre Preisträger bestimmte. Statt sich auf berühmte Einzelpersonen oder bekannte Büros zu konzentrieren, rückten ganz andere Faktoren in den Fokus. Faktoren, die zeitgleich in der gesamten Baubranche immer wichtiger wurden:
- Ressourcenschonendes Bauen mit lokalen Materialien
- Berücksichtigung traditioneller Bauweisen
- Gemeinschaftliche Planungsprozesse
- Klimatisch angepasste Architektur ohne aufwendige Technik
Alle Zeichen standen auf Nachhaltigkeit. Im Fokus stehen heute vor allem solche Projekte, die gesellschaftliche, ökologische und kulturelle Verantwortung übernehmen. Es zählt das Bauwerk im Zusammenspiel mit seiner Umgebung, sozusagen als Gesamtleistung, die jede Facette des Projekts berücksichtigt.
Wonach bewertet die Jury beim Pritzker-Preis?
Aber wie bestimmt die Jury überhaupt einen neuen Preisträger? Wie läuft das Ganze heute ab? Offizielle Punktesysteme oder Gewichtungen gibt es nicht. Es wird auch kein Einzelbau mehr gewürdigt, sondern das Gesamtwerk eines Architekten oder Büros. Wie am Ende ein Gewinner bestimmt wird, schauen wir uns einmal kurz an.
Kann man sich einfach für den Pritzker-Preis bewerben, um ausgezeichnet zu werden? Nein, eine öffentliche Bewerbung gibt es nicht. Stattdessen werden Architektinnen und Architekten nominiert. Diese Nominierungen können von verschiedensten Leuten ausgesprochen werden, darunter:
- frühere Pritzker-Preisträger
- Architekten
- Hochschullehrer
- Architekturkritiker
- Politiker
Nominiert werden kann bis zum 1. November des Jahres. Wer am Ende nicht ausgewählt wurde, kommt für die Folgejahre automatisch auf die Liste. Sind alle Nominierungen abgeschlossen, setzt sich eine unabhängige Jury aus fünf bis neun Mitgliedern zusammen, um sich zu beraten. Darunter befinden sich nicht nur Architekten, sondern auch andere Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft oder Wirtschaft.
Wer einmal in der Jury sitzt, bleibt dort in der Regel für einige Jahre. Schließlich sollen einerseits die Preisträger vergleichbar sein, andererseits muss auch gewährleistet werden, dass regelmäßig neue Sichtweisen in die Bewertung einfließen. Mitglieder der Familie Pritzker oder externe Beobachter nehmen nicht an der Beratung teil.
Das Gesamtwerk der nominierten Architekten wird vertraulich bewertet. Ein offizielles Punktesystem oder Ranking gibt es nicht. Das macht die Ermittlung des Gewinners sehr intransparent – ein weiterer wichtiger Kritikpunkt, der sich bis heute hält. Offiziell sollen sich Preisträger durch Talent, Vision und Engagement auszeichnen, sowohl für die Menschheit als auch für die gebaute Umwelt einen nachhaltigen Beitrag zu leisten.
In der Praxis kommen noch weitere Punkte hinzu. Die Bauwerke sollen natürlich eine hohe architektonische Qualität aufweisen. Dazu gehört auch, dass Innovation und neue konstruktive bzw. technische Lösungen angewandt wurden. Wer ausgezeichnet wird, soll selbstverständlich auch etwas Besonderes geschaffen haben. Das eigene Gesamtwerk muss eine spürbare Auswirkung auf die Entwicklung der Architektur haben. Gleichzeitig soll es aber auch mit Region und Tradition verwoben sein.
Eine immer größere Rolle spielt außerdem das Thema Nachhaltigkeit. Der Umgang mit Bestand und bereits vorhandenen Ressourcen ist ebenso wichtig wie der gesellschaftliche Mehrwert durch ein neues Bauwerk. Einfach nur ein Design-Monster in eine Altstadt zu stellen, reicht nicht. Ein Beispiel, wie Architektur heutzutage nicht sein sollte, sind unter anderem Bauwerke von Santiago Calatrava. Schaut euch den Blogbeitrag gerne an, wenn euch das interessiert: Zwischen Eleganz und Eskapade: Santiago Calatrava .
Zu Beginn des Jahres berät sich die Jury also hinter verschlossenen Türen. Bis zur Verkündung des Gewinners dringt absolut nichts nach außen. Es gibt keine veröffentlichte Shortlist, keine öffentlichen Abstimmungen und nicht einmal Begründungen für abgelehnte Kandidaten.
Im Frühjahr dann die Entscheidung: Wer hat gewonnen und warum? Die ausführliche Jurybegründung ist der einzige Anhaltspunkt, den die Öffentlichkeit jemals erfahren wird. Der Gewinner erhält ein Preisgeld und die Bronze-Medaille mit der Aufschrift “Pritzker-Preis”.
Fazit: Der Pritzker-Preis heute
Mit dem Blick auf die Vergangenheit stellt sich am Ende noch eine entscheidende Frage: Hat der Pritzker-Preis heute noch die gleiche Bedeutung? Hier stehen sich unterschiedliche Perspektiven auf den sogenannten Nobelpreis für Architektur gegenüber. Wir sehen uns das mal zusammenfassend an.
Nach wie vor ist der Pritzker-Preis die höchste internationale Anerkennung für einen Architekten. Eine Auszeichnung sorgt weltweit für Aufmerksamkeit, beeinflusst Debatten rund um moderne Architektur und macht auch solche Architekten bekannt, die nicht gerade einen Prestigebau nach dem anderen entwerfen. Das ist ein enormer Mehrwert für die Branche und stößt neue Trends sowie innovative Ideen an.
Gleichzeitig greift noch immer ein Kritikpunkt vom Beginn dieses Beitrags: Architektur ist und bleibt Teamarbeit. Selbst der legendäre Gustave Eiffel hat seinen Turm nicht allein entworfen. Seine Geschichte und die des Eiffelturms könnt ihr übrigens hier nachlesen:
Auch lässt sich gute Architektur, in welcher Hinsicht auch immer, nur schwer objektiv vergleichen. Geschmäcker sind verschieden. Was für den einen Kunst ist, kann für den anderen weg. Auch darüber haben wir schon einmal einen Beitrag verfasst: Achtung Bausünde: Ist das Kunst oder kann das weg? .
Viele Architekten, die eine Menge für die Branche geleistet haben, wurden nie ausgezeichnet. Es gibt nun einmal nur einen Pritzker-Preis im Jahr. Abgesehen davon bleiben die Leistungen anderer Beteiligter, wie der Ingenieure, oftmals völlig unbeachtet. Dabei haben diejenigen, die mutige Architektur-Entwürfe umsetzen, mindestens genau so viel Anerkennung verdient wie die Architekten selbst.
Letztendlich hat der Pritzker-Preis die Architekturwelt geprägt, und das über Jahrzehnte hinweg. Der Stararchitekten-Kult wich nach und nach dem Fokus auf gesellschaftliche Verantwortung. Damit hat sich der Pritzker-Preis zweifellos in die richtige Richtung verändert.
Und dennoch bleiben Fragen offen: Ist es fair, einen einzelnen Architekten auszuzeichnen? Wäre es nicht sinnvoller, den Preis an ein ganz besonderes Bauprojekt im Jahr zu vergeben, und damit an alle Beteiligten? Diese Fragen zu beantworten, überlassen wir euch. Und wenn ihr noch mehr zu spannenden Bauprojekten oder interessanten Persönlichkeiten im Bauwesen lesen wollt, schaut euch gerne die anderen Beiträge auf dem Blog an. Wenn euch dieser hier gefallen hat, interessiert euch vielleicht auch: