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21. Januar 2025

TS nach Quast und Quast modifiziert

Lokale anisotrope Zugversteifungserweiterung

Bei Verwendung eines Betonschädigungsmodells wird die Zugversteifung durch die lokale anisotrope Zugversteifungserweiterung abgebildet [4]. Dieses Verfahren tritt bei anisotropem Schädigungsmodell an die Stelle des bisherigen, global wirkenden Ansatzes: Statt die Zugzone des Querschnitts einmalig durch eine für den gesamten Querschnitt geltende Spannungs-Dehnungslinie zu beschreiben, überlagert es der Grundmaterialantwort des Betons an jedem Betonintegrationspunkt eine bewehrungsbedingte Zugspannung. Die Korrektur wird lokal (integrationspunktweise) und anisotrop (getrennt in beiden Hauptdehnungsrichtungen) berechnet; der Winkel zwischen Bewehrungsrichtung und jeweiliger Hauptzugrichtung geht dabei explizit ein.

Info

Geltungsbereich nach Elementtyp: Bei Flächenelementen (Schalen, Platten) mit geschichtetem Querschnittsaufbau erfolgt die Auswertung wie beschrieben vollständig anisotrop, getrennt in beiden Hauptdehnungsrichtungen. Bei Stabelementen steht das Verfahren ebenfalls zur Verfügung, allerdings mit Einschränkungen beim Winkelbezug: Da nur eine maßgebende (axiale) Dehnungsrichtung vorliegt, entfällt die Unterscheidung zweier Hauptrichtungen und damit der Winkelfaktor aj,k zwischen Bewehrungs- und Hauptzugrichtung im eigentlichen Sinn; die Bewehrung wird als parallel zur Stabachse liegend behandelt. Bei Volumenelementen steht das Verfahren nicht zur Verfügung. Ebenfalls aktuell nicht einbezogen wird die explizite Bewehrungssimulation mittels des Stabtyps „Bewehrungsstab"; berücksichtigt wird ausschließlich die Längsbewehrung bei Flächenbewehrung und bei Stabbewehrung.

Info

Geltungsbereich nach Materialmodell: Bei Verwendung eines anisotropen Betonschädigungsmodells ("Anisotrope Beschädigung") wird die Zugversteifung wie oben beschrieben über die lokale anisotrope Zugversteifungserweiterung abgebildet; dies ersetzt für diese Kombination den bisherigen, global wirkenden Ansatz. Für das isotrope Schädigungsmodell ("Isotrope Beschädigung", Isotropic Damage) kommt statt des Winkelfaktors aj,k eine Projektion der beiden aktuellen Hauptzugdehnungen auf die Bewehrungsrichtung zum Einsatz, mit denselben geometrischen Gewichten cos2(Δθ) beziehungsweise sin2(Δθ); das Ergebnis wird auf die jeweils größere der beiden Hauptzugdehnungen normiert und liefert einen einzigen Aktivierungswert, der für beide Hauptrichtungen gleichermaßen verwendet wird. Der Winkelfaktor entfällt damit nicht ersatzlos, sondern wird in eine dehnungsbasierte Projektion überführt, da ein isotropes Schädigungsmodell selbst keine Information darüber liefert, welche Richtung tatsächlich gerissen ist. Die Vorteile des neuen Ansatzes, unter anderem das verbesserte Konvergenzverhalten, bleiben dabei erhalten.

Aktivierungsfaktor

An jedem Betonintegrationspunkt werden die Hauptdehnungen ε1, ε2 und der zugehörige Hauptdehnungswinkel θp ermittelt; nur Zugrichtungen (εk > 0) sind für die Zugversteifung relevant. Jede Bewehrungslage j trägt über drei multiplikative Teilfaktoren zum Aktivierungsfaktor αk der Hauptrichtung k bei:

  • gj (Kapazitätsfaktor): sinkt mit zunehmender Bewehrungsdehnung und wird beim Erreichen der Fließdehnung der Bewehrung null.
  • aj,k (Winkelfaktor): beim anisotropen Schädigungsmodell 1 bei paralleler, 0 bei senkrechter Ausrichtung von Bewehrung und Hauptzugrichtung, für die jeweils andere Hauptrichtung das Komplement. Beim isotropen Schädigungsmodell gilt eine andere Berechnung ohne Komplementbildung, die für beide Hauptrichtungen denselben Wert liefert und bei genau 90° unter zweiachsigem Zug noch von null verschieden sein kann; siehe Banner „Geltungsbereich nach Materialmodell" oben.
  • pj (Positionsfaktor): 1 innerhalb der Betondeckungszone der betrachteten Bewehrungslage, außerhalb abnehmend (Dehnungsverträglichkeit zwischen Beton und Bewehrung).

Die Beiträge aller Bewehrungslagen werden über einen geglätteten p-Norm-Aggregator kombiniert und auf [0, 1] begrenzt:

Info

Ist in der maßgebenden Hauptzugrichtung keine oder keine richtungskompatible Bewehrung vorhanden (αk = 0), entfällt die Zugversteifungskorrektur für diese Richtung vollständig; das Grundmaterial liefert dann das unveränderte Zugverhalten.

Zielspannungskurve: zwei Varianten

Die Zielspannung in Hauptrichtung k ergibt sich zu:

Für die zugrunde liegende Zielspannungskurve σ̂(ε) stehen zwei Varianten zur Wahl, die auf den beiden nachfolgenden Unterkapiteln basieren:

Zielspannungskurve: zwei Varianten
Variante Zielspannungskurve aus Verhalten Empfehlung
nach Quast Abschnitt "Quast" erzwingend: kann Zugspannung sowohl hinzufügen als auch entfernen, um die mittlere Antwort auf den Zielwert zu führen bei Kalibrierung auf ein vorgegebenes mittleres Zugspannungs-Dehnungsverhalten
nach Quast modifiziert Abschnitt "Modifizierter Ansatz nach Quast" rein additiv (Δσk ≥ 0): fügt Zugspannung nur hinzu, wenn der Zielwert die aktuelle Betonspannung übersteigt Standardeinstellung (numerisch robuster)

Hinweise für Bestandsmodelle

Wichtig

Abweichungen gegenüber älteren Programmversionen sind beabsichtigt. Die lokale anisotrope Zugversteifungserweiterung ersetzt den bisherigen, global wirkenden Ansatz vollständig; dieser verwendete die maximale Bewehrungsdehnung über alle Bewehrungslagen als einzigen Aktivierungstreiber für den gesamten Querschnitt, unabhängig von Richtung und Lage der Bewehrung, was zu physikalisch nicht gerechtfertigter Aktivierung führen konnte, beispielsweise auf der Druckseite eines biegebeanspruchten Querschnitts. Die neue Erweiterung unterdrückt die Aktivierung gezielt dort, wo sie physikalisch nicht gerechtfertigt ist. Abweichende Ergebnisse gegenüber älteren Berechnungen sind daher insbesondere bei mehrlagiger oder mehrdirektionaler Bewehrung sowie bei schwinddominierten Zuständen zu erwarten. Für einfache Biegung ohne Schwinden liefern beide Ansätze qualitativ vergleichbare Ergebnisse. Das Verfahren modelliert zudem keine diskreten Risse, keinen Rissabstand und keine Rissbreite; die Rissbreitenermittlung erfolgt weiterhin über einen separaten, normkonformen Nachweisschritt.

Quast

Dieses Modell zur Erfassung der Mitwirkung des Betons auf Zug zwischen den Rissen basiert auf einer definierten Spannungs-Dehnungs-Linie des Betons im Zugbereich (Parabel-Rechteck-Diagramm).

Die grundlegenden Annahmen des Ansatzes von Quast können folgendermaßen zusammengefasst werden:

  • Volle Mitwirkung des Betons auf Zug bis zum Erreichen der Rissdehnung εcr bzw. der rechnerischen Betonzugfestigkeit fct,R.
  • Reduzierte versteifende Mitwirkung des Betons in der Zugzone entsprechend der vorhandenen Betondehnung.
  • Kein Ansatz von Tension Stiffening nach dem Einsetzen des Fließens des maßgebenden Bewehrungsstabes.

Zusammenfassend bedeutet dies, dass die rechnerische Zugfestigkeit fct,R keine fixe Größe ist, sondern sich auf die vorhandene Dehnung in der maßgebenden Stahl(zug)faser bezieht. Die maximale Zugfestigkeit fct,R nimmt ab der definierten Rissdehnung εcr bis zum Erreichen der Fließdehnung des Bewehrungsstahls in der maßgebenden Stahlfaser linear auf null ab.
Erreicht wird dies durch die im nachfolgenden Bild gezeigte Spannungs-Dehnungs-Linie im Zugbereich des Betons (Parabel-Rechteck-Diagramm) und die Ermittlung eines Reduktionsfaktors VMB (Versteifende Mitwirkung des Betons).

Im nächsten Bild sind schematisch die Spannungszustände für steigende Beanspruchung mit Tension Stiffening dargestellt.

Die Spannungs-Dehnungs-Linie im Zugbereich kann mit folgenden Gleichungen beschrieben werden:

für 0 < ε < εcr
für ε > εcr

  • Die Völligkeit der Parabel im ersten Abschnitt kann durch den Exponenten nPR gesteuert werden.
  • Der Exponent sollte dafür so angepasst werden, dass der Übergang vom Druck- in den Zugbereich möglichst mit gleichem E-Modul erfolgt.

Zur Bestimmung des Reduktionsfaktors VMB wird die Dehnung an der am stärksten gezogenen Stahlfaser verwendet. Die Lage des Referenzpunkts ist der anschließenden Grafik veranschaulicht.

Der Abminderungsfaktor VMB nimmt mit steigender Stahldehnung ab. Im Diagramm für den Faktor VMB (siehe Bild unterhalb) ist ersichtlich, dass der Faktor VMB genau zum Fließbeginn der Bewehrung auf null reduziert wird.

Der Verlauf für den Abminderungsfaktor VMB im Zustand II (ε > εcr) kann über den Exponenten nVMB gesteuert werden.

  • Erfahrungswerte sind nach Pfeiffer [2] die Werte nVMB = 1 (linear) bis nVMB = 2 (Parabel) für biegebeanspruchte Bauteile.
  • Quast [3] benutzt in seinem Modell den Exponenten nVMB = 1 (linear) und erzielt damit gute Übereinstimmungen bei der Nachrechnung von Stützenversuchen.
  • Nach Pfeiffer [2] lassen sich mit nVMB = 2 reine Zugversuche mit akzeptabler Übereinstimmung abbilden.

Die Annahme eines Parabel-Rechteck-Diagramms für die gerissene Betonzugzone ist als Rechenhilfe zu betrachten. Auf den ersten Blick bestehen große Unterschiede zu experimentell ermittelten Spannungs-Dehnungs-Linien auf der Zugseite des reinen Betons.

Bei der Betrachtung der vorhandenen Spannungen im biegebeanspruchten Stahlbetonquerschnitt zeigt sich, dass das Parabel-Rechteck-Diagramm durchaus besser in der Lage ist, die Dehnungen und Spannungen im Mittel zu beschreiben.
Bei einem Biegebalken bildet sich zwischen zwei Rissen ein Betonkörper. Dieser wirkt als eine Art Scheibe, in die durch die Bewehrung allmählich wieder Zugkräfte eingeleitet werden. Dadurch stellt sich ein sehr unregelmäßiger Verlauf von Spannung und Dehnung ein. Im Mittel lässt sich jedoch eine Dehnungsebene mit einem Parabel-Rechteck-Verlauf erstellen, durch den die mittlere Verkrümmung erfasst werden kann.

Für das Modell von Quast wurden die anzusetzenden Rechenwerte folgendermaßen vorgeschlagen

  • für die Zugfestigkeit fct,R
  • für die Rissdehnung εcr,R

Der Rechenwert für die Zugfestigkeit fct,R ist somit kleiner als die Vorgaben des Eurocodes. Dies ist begründet durch die Beschreibung der Arbeitslinie und der Ermittlung des Reduktionsfaktors VMB, bei der die angenommene Zugspannung und die resultierende Zugkraft nach Überschreitung der Zugdehnung nur langsam abgemindert werden. Bei einer Dehnung von 2 ⋅ εcr ergibt sich noch eine wirkende Zugspannung von etwa 0.95 ⋅ fct,R. Damit kann bei Biegebeanspruchung die Reduzierung der Steifigkeit gut vorhergesagt werden. Bei einer reinen Zugbeanspruchung sind die o. g. Werte für fct,R zu gering. Hier sollten nach Pfeiffer [2] die Werte aus EC 2 für den Rechenwert der Zugfestigkeit angesetzt werden.
Die von Quast [3] empfohlenen Werte für fct,R = 1/20 ⋅ fcm sind durch den Ansatz von 60 % der in EC 2 angegebenen Zugfestigkeiten zu erreichen. Bei dem Ansatz von fct,R = 0.6 ⋅ fctm wird einerseits das Aufreißen des Querschnittes zu früh vorhergesagt. Andererseits ist aber dadurch eine Reduktion der Zugfestigkeit unter Dauerlast (ca. 70 %) oder eine temporär höhere Last (z. B. das kurzzeitige Aufbringen der seltenen Einwirkungskombination), die zu einer geschädigten Zugzone führt, bereits berücksichtigt.
Die einzelnen Rechenwerte für die Zugzone des Betons lassen sich wie folgt beschreiben:



Modifizierter Ansatz nach Quast

Der modifizierte Ansatz nach Quast verwendet dieselbe Definition der rechnerischen Zugfestigkeit fct,R und der Rissdehnung εcr,R wie der Ansatz nach Quast (siehe vorherigen Abschnitt). Der Unterschied liegt in der Art der Anwendung auf die Betonspannung, nicht in der Zielkurve selbst:

  • Beim Ansatz nach Quast wird die Betonspannung in der Zugzone direkt auf den Wert der Zielkurve gesetztc = σ̂(ε), siehe Zielkurve im Abschnitt „Quast"); dies kann gegenüber der Spannung des unmodifizierten Grundmaterialmodells sowohl eine Erhöhung als auch eine Abminderung bedeuten.
  • Beim modifizierten Ansatz wird die Zielkurve stattdessen rein additiv auf die vom Grundmaterialmodell (z. B. Schädigungsmodell) gelieferte Betonspannung σc,Basis(ε) aufgeschlagen.

Die Betonspannung kann durch die Zugversteifung also nur erhöht, nie abgemindert werden. Dieses additive Vorgehen ist numerisch robuster als die erzwingende Variante nach Quast, da es nicht zu einem abrupten Steifigkeitssprung führt, wenn die Grundmaterialspannung die Zielkurve bereits überschreitet.

Info

Der modifizierte Ansatz nach Quast liefert die additive Zielspannungskurve der lokalen anisotropen Zugversteifungserweiterung (siehe Kapitel-Einleitung) und wird dort als Standardeinstellung empfohlen.


Referenzen
Übergeordnetes Kapitel